PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 10.10.2000

WHO proklamiert "Tag des psychischen Wohlbefindens"

Immer mehr psychische Störungen
Wachsender Konkurrenzdruck fördert Stress und Depressionen

Stress, Depressionen, Angstzustände und psychische Zusammenbrüche am Arbeitsplatz seien immer weiter verbreitet, heißt es in einem am Montag in Genf veröffentlichten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Ursächlich hierfür seien die Erfordernisse nach schnellerer und effizienterer Arbeit sowie die neuen Technologien.

Der wachsende Konkurrenzdruck mache immer mehr Arbeitnehmern zu schaffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den 10. Oktober deshalb zum "Tag des psychischen Wohlbefindens" deklariert, um das Tabu-Thema psychischer Krankheiten auf die Tagesordnung zu bringen.

In Deutschland litten heute zehn Mal mehr Menschen an Depressionen als vor 50 Jahren, heißt es in der Studie der ILO. Die Betroffenen seien zudem wesentlich jünger als früher. Der Anteil der 25- bis 30-jährigen, die Antidepressiva nehmen, habe sich bereits Ende der 80er Jahre in drei Jahren von 0,1 auf 1,1 Prozent erhöht, heißt es in dem Bericht. Viele Ärzte allerdings würden die Krankheitsanzeichen oft nicht erkennen, kritisierte die ILO. Die Organisation fordert daher eine bessere Ausbildung der Allgemeinmediziner.

Die deutsche Wirtschaft verliere jedes Jahr fünf Milliarden Mark, weil Arbeitnehmer durch psychische Krankheiten ausfallen. Sieben Prozent der Deutschen, die in den vorzeitigen Ruhestand gehen, täten dies auf Grund von psychischen Leiden. Bei psychischen Problemen fielen die Beschäftigten in der Regel zweieinhalb Mal so lange aus wie bei anderen Krankheiten.

Auch kritische Stimmen werden von der ILO in ihrer Studie berücksichtigt. So wird auf eine Untersuchung von R. Pfeiler aus dem Jahr 1996 verwiesen, wonach bei der Hälfte der Patienten, die als depressiv eingestuft werden, die Diagnose nicht stimmt. Drei Viertel (!) der Patienten, bei denen Depressionen diagnostiziert werden, wiesen keine klinischen Symptome auf. Dennoch würden sie in aller Regel mit Psychopharmaka behandelt.

Die immer noch bestehenden Vorurteile gegenüber psychisch kranken Menschen müssen nach den Worten des baden-württembergischen Sozialministers Friedhelm Repnik (CDU) dringend abgebaut werden. Repnik ist in Baden-Württemberg Schirmherr des Welttags für seelische Gesundheit, der heute weltweit begangen wird.

Das diesjährige Motto "Seelische Gesundheit und Arbeit" spreche eine zentrale Frage an, sagte Repnik. "Wir wissen, wie wichtig es für das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl des Menschen ist, dass er arbeiten kann." Repnik hält daher ein auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Betroffenen abgestimmtes Beschäftigungsangebot für einen wichtigen Bestandteil der Integration.

"Psychisch kranke Menschen haben besondere Schwierigkeiten, mit den veränderten Berufsbildern und dem Wandel der Erwerbsgesellschaft Schritt zu halten", sagte der Minister. Die Landesregierung werde daher ihre Bemühungen fortsetzen, Arbeitsplätze für psychisch Kranke zu erhalten.

Ebenso sieht der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Baden-Württemberg erhebliche Gefahren für die Gesundheit von Arbeitnehmern vor allem im psychischen Stress, der stetig zunehme. Nach Ansicht des DGB wird dieser Gesundheitsgefahr bisher zu wenig Beachtung geschenkt, hieß es in einer Mitteilung vom Dienstag.

"Der objektive Druck auf dem Arbeitsmarkt und die Anforderungen, die der gesellschaftliche Wandel zur Informationsgesellschaft an den Einzelnen stellen", meinte die Stuttgarter Fachärztin und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen, "werden zweifellos weiter wachsen." Der Prävention von psychischen Überforderungen und Stressfolgeerkrankungen müsse deshalb entschieden mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. "Prävention ist unstreitig billiger als Behandlung. Diese Erkenntnis bleibt aber ohne Wirkung, so lange die gesellschaftliche Abwertung psychischer Probleme viele Betroffene daran hindert, rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen", sagte die Psychotherapeutin. So sei absehbar, dass psychische Störungen auch in den nächsten Jahren weiter zunehmen werden.

Unterstrichen wird diese Feststellung aus der psychotherapeutischen Praxis von einer europaweiten Studie der Fachvereinigung Arbeitssicherheit (FASI), die heute im Vorfeld der morgen in München beginnenden Fachmesse "Arbeitsschutz aktuell" vorgestellt wurde. Stress hat sich zur Belastung Nummer Eins am Arbeitsplatz entwickelt, so deren Kernaussage. Nach dieser FASI-Studie hat psychischer Stress die Klassiker Lärm, Hitze, Kälte, Gefahrstoffe sowie Heben und Tragen schwerer Lasten vom Spitzenplatz der Arbeitsbelastungen abgelöst. "Jeder dritte Beschäftigte fühlt sich gesundheitsgefährdendem Stress ausgesetzt", sagte FASI-Präsident Gerd Albracht heute in München. Stressbedingte Krankheiten wie Herzinfarkt, Magengeschwüre, Bluthochdruck und Schlaflosigkeit hätten alarmierend zugenommen.

Stress entstehe durch Arbeitsverdichtung, eingeengte Entscheidungsspielräume, Über- und Unterforderung sowie soziale Konflikte mit Kollegen bis hin zum Mobbing. Albracht schätzte die Zahl der Mobbing-Opfer auf bundesweit 1,5 Millionen Menschen. Mobbing beeinträchtige den Betriebsfrieden, die Leistungsfähigkeit und letztendlich den Erfolg des ganzen Unternehmens.

Albracht forderte zur Vermeidung von Stress sensible Vorgesetzte, die sich für menschliche Ressourcen verantwortlich fühlten. "Das ist für das ganze Unternehmen gut", sagte Albracht. Ebenso müsste der Informationsfluss in Unternehmen verbessert werden. Auch die Neuorganisation einzelnen Aufgabenbereichen könne hilfreich sein.

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