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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Wandel in Arbeitswelt führt zu psychischen Erkrankungen - 90 Prozent aller Computer-Arbeitsplätze bergen Gesundheitsrisiko

Hamm/Bonn/München (01.09.2000) - Die Belastungen am Arbeitsplatz durch Rationalisierungen und Flexibilisierungen führen nach Expertenansicht zunehmend zu psychischen Problemen. "Durch den psychosozialen Stress fragen heute mehr Menschen nach Behandlungen wegen Depressionen nach als noch vor dreißig Jahren", sagte Karl Beine, Leiter des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Witten/Herdecke im Vorfeld eines Symposiums von Experten am 2. September in Hamm.

"Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch und die Arbeitsbelastungen sind gestiegen", sagte Beine. Zusammen mit anderen Faktoren werde dadurch die subjektive Belastungsgrenze überschritten, sagte Beine. Hinzu kämen beispielsweise hohe Scheidungsraten oder die "gepriesene Life-Style-Kultur" von Singles, durch die viele Menschen oftmals die Hilfe eines Experten aufsuchten.

Gleichzeitig betonte Beine, dass die Tabuisierung von psychischen Krankheiten abgenommen habe. "Was früher häufig als Gott-gegeben, schicksalhaft oder als nicht änderbar betrachtet wurde, wird heute nicht mehr so schnell akzeptiert. Dabei ist auch die Toleranzgrenze des Umfelds von psychisch Kranken gesunken", sagte Beine.

In der Arbeitswelt nehme die psychophysische Belastung durch die neuen Technologien deutlich zu. Dabei bergen etwa 90 Prozent aller Computer-Arbeitsplätze wegen mangelhafter Ausstattung ein Gesundheitsrisiko für die Nutzer. "Die Folgen können Belastungen der Augen, Wirbelsäule, Bandscheibe und Muskulatur sein", sagte der Bonner Arbeitsmediziner Gerhard Schamschula. Er leitet die Abteilung Medizin und Technik des Berufsgenossenschaftlich Arbeitsmedizinischen Dienstes (BAD) in Bonn. Die Angst vor zu hoher Strahlung hingegen sei unbegründet, meinte der Mediziner.

Nach den Worten des Experten ist eine dauerhafte Bildschirmarbeit sehr anstrengend und führt häufig zu Ermüdungserscheinungen. "Mit einigen praktischen Tipps lassen sich Gesundheitsschäden vermeiden." Die Arbeit am Schirm sollte deshalb auf die Hälfte der täglichen Arbeitszeit begrenzt werden, empfahl Schamschula. "Ist dies nicht möglich, muss es mehrere Kurzpausen geben, die nicht auf die bestehende Mittags- und Kaffeepause angerechnet werden dürfen." Außerdem sollte die Tätigkeit so vielseitig wie möglich gestaltet werden. Das setze Abwechslung zwischen routinemäßigen und hochkonzentrierten Arbeiten sowie zwischen sitzender und stehender Körperhaltung voraus.

"Der Bildschirm darf nicht flimmern." Ebenso wichtig sei eine optimale Beleuchtung, damit das Licht nicht blende. Der Abstand zwischen Augen und Monitor müsse 45 bis 80 Zentimeter betragen. Der Tisch sollte zwischen 60 und 83 Zentimeter höhenverstellbar sein. Wichtig sei, dass unter dem Tisch eine ausreichende Beinfreiheit bestehe. Die Beine sollten nicht übereinander geschlagen werden, da dadurch die Blutzirkulation gestört werde.

Der Arbeitsmediziner verwies auf die seit 1996 bestehende Verordnung zur Bildschirmarbeit. Seit Januar 2000 könnten die Gewerbeaufsichtsämter gegen Unternehmen, deren Bildschirm-Arbeitsplätze nicht dieser Verordnung entsprechen, ein Bußgeld von bis zu 50.000 Mark verhängen, sagte Schamschula.

Währenddessen erlangt die Sorge um die Gesundheit für immer mehr Menschen einen höheren Stellenwert als Liebe und Geld. Insbesondere jungen Frauen macht die Angst vor Krankheit mehr Stress als alles andere. Nach einer am 28.08.2000 veröffentlichten repräsentativen Umfrage im Auftrag der Frauenzeitschrift "Freundin" gaben 60 Prozent der 18- bis 35-jährigen an, die Furcht vor einer starken gesundheitlichen Einschränkung setze sie unter Stress. Nur die Hälfte der Frauen dagegen sagte, bei ernsthaften Problemen mit dem Partner unter Psycho-Druck zu geraten. Ebenso viele Frauen reagieren bei massiven finanziellen Schwierigkeiten gestresst. In der Umfrage wurden 1.200 Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren befragt.

Die Experten fordern eine finanzielle Unterstützung von Krankenkassen und Politik für neue Möglichkeiten bei der Behandlung von psychisch kranken Menschen. "Es gibt neue aber sehr teure Medikamente, die wenig Nebenwirkungen haben, aber von den Ärzten aus Kostengründen oftmals nicht verschrieben werden", sagte Psychiater Beine. Auch die Bedeutung der Psychotherapie für die Gesellschaft in kurativer und präventiver Hinsicht werde in unverantwortlicher Weise unterschätzt.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 01. September 2000]

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[psychotherapie/report/medien/ftd_20000801.htm]

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