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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Arbeit an der Grenze zwischen Glück und Selbstschädigung - Wenn der Job zur Party wird

Stuttgart (09.08.2000) - Man hört nur das leise Brummen der Computer; wie kleine Autisten starren die Mitarbeiter der Kommunikationsagentur Elephant Seven in Hamburg auf ihre Bildschirme. Einige tragen Kopfhörer, um sich bei der Arbeit mit ihrem Lieblingssound zu beschallen. "Es muss wieder Spaß machen, morgens aufzuwachen", sagt Agenturchef Horst Wagner, dessen größtes Problem es zu sein scheint, seine Leute nach oft zehn- bis zwölfstündigem Arbeitstag zum Nachhausegehen zu bewegen.

Was auf den ersten Blick wie eine Arbeitsgaleere wirken mag, ist für immer mehr Menschen das Paradies: Ob in Hamburg, Düsseldorf, Berlin, Frankfurt, München oder Stuttgart - die Unternehmenskultur der "New Economy" hat eine "New Society" hervorgebracht, einen neuen Teil der Gesellschaft, der lebt, um zu arbeiten.

Kollegen werden kurzerhand zu Freunden ernannt, gefeiert wird in der Firma. Der Arbeitstag geht irgendwann ab 18 Uhr in eine hippe Branchenparty über. Freunde und Partner von außerhalb können selbstverständlich dazustoßen. Chips gibt's vom Chef, irgendjemand sorgt für Getränke. Betrinken wird sich sowieso keiner, denn am nächsten Morgen warten die Kunden.

"Flow-Erlebnis" nennen Kreativitätsforscher diesen Kick, der offenbar besonders durch selbstbestimmte Arbeit ausgelöst wird. "Kreative Computerarbeit erfüllt klassische Postulate (Forderungen) der Humanisierung der Arbeitswelt", erläutert der Arbeits- und Betriebspsychologe Wilhelm Glaser von der Uni Tübingen. "Es macht einfach Spaß, selbstbestimmt zu arbeiten, Ideen umzusetzen und Probleme zu lösen, denn Probleme lösen ist lustvoll". Hinzu komme eine oft überdurchschnittlich gute Bezahlung.

Wenn es von allen Seiten läuft und die Anerkennung folge, sei das geradezu ein "rauschhaftes Erlebnis". Die im Schnitt kaum älter als 30-jährigen scheinen geradezu besessen von ihrer Arbeit, die mehr und mehr auch ihr Privatleben bestimmt. Solvieg Rose, Projektmanagerin bei Elephant Seven: "Der Job hier gibt mir so viel Power, dass ich nach zwölf Stunden in der Agentur immer noch Lust habe, etwas zu unternehmen. Bei einem langweiligen Nine-to-Five-Job wolle sie hingegen abends nur noch "frustriert abhängen".

Hinzu kommen die schicken "Extras" der Firma: Frisches Obst-Buffet, ein Taxi, wenn's mal wieder später wird, Büro-Massage, "Chill-Out-Rooms" (Entspannungsräume) und Video-Kino in der Firma. Vor kurzem jettete die 34-jährige für eine Woche mit einer Freundin zum Relaxen nach Mallorca - in eine firmeneigene Finca.

"Wer will, kann zum Arbeiten auch an die Elbe fahren, sich in die Sauna setzen oder zwischendurch einen Yoga-Kurs machen", legt Agenturchef Wagner nach. Freiheit sei für ihn und seine Mitarbeiter ("alles lauter Individualisten") das Wichtigste. Für Gregory Jacob ist das alles sowieso vollkommen normal. Der 25-jährige übernachtet auch manchmal in der Firma, der Kreativschmiede I-D Media. Der Amerikaner kennt es aus dem Silicon Valley auch gar nicht anders: "Es ist eben alles voll locker und macht einfach Spaß."

Bis der Körper in die Knie geht. Auch bei sehr lustbesetzten Job-Inhalten ist es wichtig, den Körper in der Balance zwischen Anspannung und Entspannung zu halten. "Man kann mit exzessiver Arbeit einige Jahre Raubbau an sich selbst betreiben, ohne Symptome oder Beschwerden wahrzunehmen", sagt der Stuttgarter Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann, der am ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie erstmals eine Burnout-Sprechstunde anbietet. "Wenn dann allerdings die Knautschzone aufgebraucht ist, holt einen von der Party nur noch der Burnout ab".

"Das ist manchmal nicht mehr nachzuvollziehen", findet auch Psychologe Glaser und warnt: "Hört auf Eure Körpersignale!". Mit 40 würden die modernen Vielarbeiter eine Lust- und Belastbarkeitsbilanz ziehen. Die große Selbstständigkeit im Beruf erfordere auch eine hohe Eigenverantwortlichkeit im Privatleben und des persönlichen Gesundheitsmanagements. Jeder müsse für seine Entspannungsphasen selbst sorgen. Glaser: "Sonst lebt man auf Kosten der Zukunft".

Unlängst gab es in einem Hamburger Hinterhof eine Branchenparty der besonderen Art. Sieben Kreative einer Multimediaagentur feierten ihren Abschied von der Firma. Sie hatten genug. Alle sieben heuerten bei einem alteingesessenen Verlag an - mit Tarifarbeitszeiten und Betriebskantine.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 09. August 2000]

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[psychotherapie/report/medien/ftd_20000801.htm]


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