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Arbeit an der Grenze zwischen Glück und
Selbstschädigung - Wenn der Job zur Party wird
Stuttgart (09.08.2000) -
Man hört nur das leise Brummen der Computer; wie kleine Autisten starren
die Mitarbeiter der Kommunikationsagentur Elephant Seven in Hamburg auf
ihre Bildschirme. Einige tragen Kopfhörer, um sich bei der Arbeit mit
ihrem Lieblingssound zu beschallen. "Es muss wieder Spaß machen, morgens
aufzuwachen", sagt Agenturchef Horst Wagner, dessen größtes Problem es zu
sein scheint, seine Leute nach oft zehn- bis zwölfstündigem Arbeitstag zum
Nachhausegehen zu bewegen.
Was auf den ersten Blick wie eine Arbeitsgaleere wirken mag, ist für immer
mehr Menschen das Paradies: Ob in Hamburg, Düsseldorf, Berlin, Frankfurt,
München oder Stuttgart - die Unternehmenskultur der "New Economy" hat eine
"New Society" hervorgebracht, einen neuen Teil der Gesellschaft, der lebt,
um zu arbeiten.
Kollegen werden kurzerhand zu Freunden ernannt, gefeiert wird in der
Firma. Der Arbeitstag geht irgendwann ab 18 Uhr in eine hippe
Branchenparty über. Freunde und Partner von außerhalb können
selbstverständlich dazustoßen. Chips gibt's vom Chef, irgendjemand sorgt
für Getränke. Betrinken wird sich sowieso keiner, denn am nächsten Morgen
warten die Kunden.
"Flow-Erlebnis" nennen Kreativitätsforscher diesen Kick, der offenbar
besonders durch selbstbestimmte Arbeit ausgelöst wird. "Kreative
Computerarbeit erfüllt klassische Postulate (Forderungen) der
Humanisierung der Arbeitswelt", erläutert der Arbeits- und
Betriebspsychologe Wilhelm Glaser von der Uni Tübingen. "Es macht einfach
Spaß, selbstbestimmt zu arbeiten, Ideen umzusetzen und Probleme zu lösen,
denn Probleme lösen ist lustvoll". Hinzu komme eine oft
überdurchschnittlich gute Bezahlung.
Wenn es von allen Seiten läuft und die Anerkennung folge, sei das geradezu
ein "rauschhaftes Erlebnis". Die im Schnitt kaum älter als 30-jährigen
scheinen geradezu besessen von ihrer Arbeit, die mehr und mehr auch ihr
Privatleben bestimmt. Solvieg Rose, Projektmanagerin bei Elephant Seven:
"Der Job hier gibt mir so viel Power, dass ich nach zwölf Stunden in der
Agentur immer noch Lust habe, etwas zu unternehmen. Bei einem langweiligen
Nine-to-Five-Job wolle sie hingegen abends nur noch "frustriert abhängen".
Hinzu kommen die schicken "Extras" der Firma: Frisches Obst-Buffet, ein
Taxi, wenn's mal wieder später wird, Büro-Massage, "Chill-Out-Rooms"
(Entspannungsräume) und Video-Kino in der Firma. Vor kurzem jettete die
34-jährige für eine Woche mit einer Freundin zum Relaxen nach Mallorca -
in eine firmeneigene Finca.
"Wer will, kann zum Arbeiten auch an die Elbe fahren, sich in die Sauna
setzen oder zwischendurch einen Yoga-Kurs machen", legt Agenturchef Wagner
nach. Freiheit sei für ihn und seine Mitarbeiter ("alles lauter
Individualisten") das Wichtigste. Für Gregory Jacob ist das alles sowieso
vollkommen normal. Der 25-jährige übernachtet auch manchmal in der Firma,
der Kreativschmiede I-D Media. Der Amerikaner kennt es aus dem Silicon
Valley auch gar nicht anders: "Es ist eben alles voll locker und macht
einfach Spaß."
Bis der Körper in die Knie geht. Auch bei sehr lustbesetzten Job-Inhalten
ist es wichtig, den Körper in der Balance zwischen Anspannung und
Entspannung zu halten. "Man kann mit exzessiver Arbeit einige Jahre
Raubbau an sich selbst betreiben, ohne Symptome oder Beschwerden
wahrzunehmen", sagt der Stuttgarter Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann,
der am ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie erstmals eine
Burnout-Sprechstunde anbietet. "Wenn dann allerdings die
Knautschzone aufgebraucht ist, holt einen von der Party nur noch der
Burnout ab".
"Das ist manchmal nicht mehr nachzuvollziehen", findet auch Psychologe
Glaser und warnt: "Hört auf Eure Körpersignale!". Mit 40 würden die
modernen Vielarbeiter eine Lust- und Belastbarkeitsbilanz ziehen. Die
große Selbstständigkeit im Beruf erfordere auch eine hohe
Eigenverantwortlichkeit im Privatleben und des persönlichen
Gesundheitsmanagements. Jeder müsse für seine Entspannungsphasen selbst
sorgen. Glaser: "Sonst lebt man auf Kosten der Zukunft".
Unlängst gab es in einem Hamburger Hinterhof eine Branchenparty der
besonderen Art. Sieben Kreative einer Multimediaagentur feierten ihren
Abschied von der Firma. Sie hatten genug. Alle sieben heuerten bei einem
alteingesessenen Verlag an - mit Tarifarbeitszeiten und Betriebskantine.
[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 09.
August 2000]
Zum
Thema
[psychotherapie/report/medien/ftd_20000801.htm]
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