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Schlagartige
Stille - auch Stress kann einen Hörsturz auslösen
München/Stuttgart
(10.05.2000) - Auf einmal wird es vollkommen still, trotz all der
anderen Leute im Büro und obwohl das Telefon doch gerade noch
geklingelt hat. Von einer Sekunde auf die andere sind die Ohren
taub, die Umwelt ist nur noch wie durch Watte wahrnehmbar -
Diagnose Hörsturz. Rund 12.000 Deutsche erleiden jährlich diesen
plötzlichen Verlust des Hörvermögens, so die Statistik des
Forums Besser Hören in Hamburg. Nicht immer sind davon beide
Ohren betroffen. Häufig "stürzt" die Hörfähigkeit
nur auf einer Seite ab, und oft kommt es zu keiner völligen,
sondern nur zu einer teilweisen Ertaubung.
Auch die Dauer der Erkrankung ist von Patient zu Patient
unterschiedlich. Bei einem Großteil der Betroffenen ist nach
kurzer Zeit ganz von allein schon wieder alles in scheinbar bester
Ordnung. In 65 Prozent aller Fälle kehre das Gehör von selbst
zurück, sagt Edeltraud Cordes, Geschäftsführerin des Deutschen
Schwerhörigen-Bundes (DSB) in Berlin.
Doch niemand solle sich darauf verlassen, zu dieser glücklichen
Gruppe zu gehören. Wer die Erkrankung nicht ernst nimmt, setze
sein Gehör aufs Spiel, so auch die Warnung von Christian J.
Becker vom Forum Besser Hören: "Wird ein Hörsturz nicht
rechtzeitig behandelt, droht den Betroffenen dauerhafte
Schwerhörigkeit."
Im Prinzip sei ein Hörsturz ein "Infarkt im Ohr". Das
Blut wird in seinem Durchfluss durch die Blutgefäße des Ohres
gestört und dadurch die Sauerstoffversorgung der im Innenohr
sitzenden, hoch empfindlichen Sinneszellen unterbrochen. Als Folge
versagen diese ihren Dienst. Begleitet wird dieser Absturz häufig
von quälenden Geräuschen wie Pfeifen, Rauschen oder Klingeln.
"Wichtig ist es, sofort zum Arzt zu gehen, um erst einmal
herauszufinden, ob es sich tatsächlich um einen Hörsturz handelt
oder um eine Infektion, die natürlich anders behandelt werden
muss", sagt Professor Hans-Peter Zenner, Direktor der
Hals-Nasen-Ohren-Universitätsklinik in Tübingen.
Steht fest, dass der Patient einen Hörsturz erlitten hat, setzt
die Therapie an mehreren Punkten an. "Einerseits kann man mit
Medikamenten Einfluss auf die Hörsinneszellen nehmen.
Andererseits kann man die Durchblutung verbessern, indem man zum
Beispiel durch Infusionen die Flüssigkeit des Blutes
beeinflusst", erklärt Zenner. Meist komme es innerhalb von
acht bis zehn Tagen zu einer deutlichen Besserung, manchmal aber
auch erst nach Wochen oder Monaten. Selbst nach einem halben Jahr
könne sich noch etwas tun, so die Erfahrung des Tübinger
Mediziners.
Im Normalfall ist der Hörsturz ein einmaliges Vorkommnis. Manche
Menschen trifft er allerdings gleich mehrmals. "Es gibt
Leute, bei denen das drei- bis viermal passiert, bis hin zur
vollständigen Ertaubung", erzählt Edeltraud Cordes. Umso
wichtiger sei es, sich auf Anhieb richtig behandeln zu lassen, um
nicht Roulette mit seinem Gehör zu spielen.
Wie ein Hörsturz abläuft, ist inzwischen zwar erforscht. Was im
Einzelfall das Gehör zum Absturz bringt, darüber rätseln die
Experten aber nach wie vor. Weit verbreitet ist die Annahme, dass
hauptsächlich dauergestresste Workaholics wie Manager oder
Politiker gefährdet sind. Doch dafür gebe es keine gesicherten
Beweise, sagt Hans-Peter Zenner. Die Erkrankung trete vielmehr
quer durch alle Bevölkerungsgruppen auf.
Nach Erkenntnissen des DSB sind überwiegend jüngere Menschen und
dabei besonders Frauen betroffen. Doch auch ältere Leute sind
keineswegs vor einem Hörsturz sicher, wie das Beispiel von
Altbundeskanzler Helmut Schmidt zeigte, der im vergangenen Jahr
mit akutem Hörsturz in eine Hamburger Klinik eingeliefert werden
musste.
Neben Stress können Infektionen des Innenohrs,
Kreislaufstörungen wie etwa zu hoher oder zu niedriger Blutdruck
oder exzessives Rauchen die Ursache sein. Einem (erneuten)
Hörsturz gezielt vorzubeugen, ist deshalb nur in eingeschränktem
Rahmen möglich. Doch gerade, wer schon einmal von einem Hörsturz
ereilt worden ist, sollte unbedingt einen Gang herunterschalten
und darauf achten, in Zukunft etwas weniger "um die Ohren zu
haben".
Unter Umständen muss dafür wirklich der gesamte Lebensstil
geändert werden: keine Zigaretten mehr, weniger Stress und mehr
Erholungspausen. "Dazu gehört ausreichend Schlaf, Freizeit,
in der man sich tatsächlich nur seinen Hobbys widmet und den Job
Job sein lässt sowie ein absolut ruhiger Urlaub", rät
Edeltraud Cordes.
Wem dieses Loslassen von der Arbeit überhaupt nicht gelingt, der
sollte sich nicht scheuen, zum Psychotherapeuten zu gehen, rät
Dietmar G. Luchmann vom ABARIS Institut für Moderne
Psychotherapie und Verhaltensmedizin in Stuttgart.
Entspannungstechniken wie zum Beispiel Autogenes Training oder
Yoga zu erlernen, greift regelmäßig zu kurz, weil allein dadurch
das Denken nicht verändert wird. "Das selbstschädigende
Denken, alles schaffen, alles können und alles perfekt machen zu
müssen, mit dem Betroffene sich über Jahre und Jahrzehnte unter
Druck setzen, ist eine wesentliche Ursache von Hörsturz und
Tinnitus", beobachtet der Psychotherapeut. Patienten sind
immer wieder überrascht, wie wenig Zeit eine effektive
Psychotherapie für nachhaltige Verbesserungen des Befinden
benötigt.
Wichtig ist, die Warnsignale des Körpers ernst zu nehmen und
nicht einfach so weiter zu machen wie bisher. "Hörsturz ist
kein Schicksal, sondern eine Sache, gegen die man etwas
unternehmen kann", mahnt Edeltraud Cordes.
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