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"Psycho-Fast-Food" und Scharlatanerie: Therapeuten warnen vor "Psychogurus"

Bonn (14.02.2000) - Wachsender Druck im beruflichen, sportlichen und sozialen Wettbewerb lässt immer mehr Menschen nach Wegen suchen, diesem Druck standzuhalten oder ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Gleichzeitig ist die Inanspruchnahme von approbierten und wissenschaftlich arbeitenden Psychologischen Psychotherapeuten völlig zu Unrecht oft noch mit dem Stigma von "Krank-Sein" oder "Irre-Sein" verbunden. So sei ein wachsender Zulauf der Bevölkerung zu sogenannten "Psychogurus", Erfolgs- und Motivationstrainern zu beobachten. Für deren Wirksamkeit fehle bisher jede wissenschaftliche Bestätigung, warnen Psychotherapeuten.

Die Motivationsseminare, die oft in großen Gruppen stattfänden, glichen einem "psychologischen Fast-Food" und seien "nicht weit von einer Massenpsychose entfernt". Dabei seien auch negative Folgen, zum Beispiel Depressionen, bei einzelnen Teilnehmern nicht auszuschließen. Ein Psychotherapeut müsse eine drei- bis fünfjährige Ausbildung absolvieren, während für Motivationstrainer keine gesetzlichen Bestimmungen vorlägen.

"Schadenfreude, dass 'Bayer Leverkusen' trotz Einsatz des derzeit teuersten Psychogurus gegen 'Bayern München' verloren hat, ist nicht die Ursache dafür, dass wir die Bevölkerung vor den Heilsversprechen der selbsternannten Erfolgstrainer ausdrücklich warnen müssen", sagt Karl-Otto Hentze, Psychologischer Psychotherapeut und Bundesgeschäftsführer der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG). "Wir betrachten mit wachsender Sorge, dass immer mehr Menschen - und zwar längst nicht nur Manager und Politiker - der zunehmenden Zahl selbsternannter Psychogurus auf den Leim gehen und dafür viel Zeit und Geld investieren.“

Ein Millionenmarkt

In der Tat ist der Markt der Motivationstrainer und Psychogurus ein Millionenmarkt. Mit Eintrittspreisen von bis zu 800 Mark für eine Veranstaltung erzielen die Trainer mühelos Tageshonorare von bis zu 35.000 Mark. Diese Mittel gehen nicht nur den Veranstaltungsteilnehmern verloren, die häufig nicht mehr als ein intensives Gruppenerlebnis mit nach Hause nehmen, sondern auch dem nachweislich erfolgreichen wissenschaftlich abgesicherten Therapie- und Beratungsmarkt. Dies sei besonders deshalb zu kritisieren, weil mit derartigen Summen tatsächlich vielen Menschen nachhaltig geholfen werden könne (eine Therapiestunde kostet rund 150 Mark oder mehr).

In Amerika würden auf dem "Lebenshilfemarkt" nach Angaben der GwG jährlich 2,5 Milliarden Dollar umgesetzt. Für Deutschland lägen bisher keine Zahlen vor, in Zukunft sei aber mit ähnlichen Verhältnissen wie in den USA zu rechnen. Das sei "verlorenes Geld", das dem wissenschaftlichen Psychotherapiemarkt abhanden komme, beklagte Hentze. In der Bundesrepublik investieren die Krankenkassen rund 1,5 Milliarden Mark in Psychotherapien. Die Massen-Veranstaltungen der Psycho-Gurus hingegen seien ein Schlag ins Gesicht all der Psychotherapeuten und Berater, die jahrelang studiert hätten und mit Geduld, Einfühlungsvermögen und Professionalität mit Klienten arbeiteten, um deren Gesundheit und Erfolg im Arbeitsmarkt und der Familie zu verbessern.

Bislang fehle jede wissenschaftliche Absicherung dafür, dass die einfachen und gleichwohl massenwirksamen Methoden, wie sie von den selbsternannten "Erfolgsstrategen" angewandt würden, Menschen tatsächlich dauerhaft bei der erfolgreichen Bewältigung von Lebens- oder Sinnkrisen helfen können. Die versprochenen steigenden Erfolgsaussichten der Seminarteilnehmer, für die sich die Psychogurus als Garant und Medium anbieten, sind nicht überprüfbar.

Keine Spontanheilungen

Psychogurus faszinieren Menschen in Großveranstaltungen mit Glauben und Hoffnung und mit denkbar einfachen Szenarien: Da werden Veranstaltungsteilnehmer mit Vogelspinnen konfrontiert oder dazu ermuntert, barfuss über heiße Kohlen oder Glassplitter zu gehen, um Ängste zu überwinden. Da werden lautstark gemeinsam Motivationsrufe gebrüllt. Dank des charismatischen Auftretens, über das verschiedene Trainer ganz offensichtlich verfügen, funktionieren diese Versuche in aller Regel. Kurzfristig fühlen sich die Seminarteilnehmer erleichtert.

"Langfristige Veränderungen haben aber immer etwas mit ernsthafter und zumeist intensiver Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen zu tun", betont der Diplom-Psychologe Hentze. Psychotherapie wird im Gegensatz zu teuren und oft nutzlosen Motivationstrainings von den Krankenkassen bezahlt. Der Verband sieht die Gefahr im Zusammenhang mit den Psychogurus nicht in den Zielen der Heilsversprecher. Da sei, so Hentze, vieles dabei, das jeder ernsthafte Psychotherapeut sofort unterschreiben könne. Problematisch seien dagegen die Versprechungen und Methoden. Was zum Beispiel könne es einem unsicheren Menschen in beruflichen Auseinandersetzungen bringen, wenn er es geschafft habe, seine Angst vor Spinnen zu überwinden? "Das sind einfach zweierlei Paar Schuhe." Ihm sei in seiner "therapeutischen Berufspraxis kein Fall untergekommen, bei dem eine Spontanheilung durch ein Heilsversprechen eingetreten wäre. Und auch aus dem Kreise meiner Kollegen habe ich nichts ähnliches vernommen."

Und noch etwas sei aus Sicht des Psychotherapeutenverbandes nicht zu übersehen: In Zeiten, in denen haltgebende Bindungen wie Familie oder Religion oder auch das Vertrauen in politische Strukturen mehr und mehr zerstört wurden, hatten fragwürdige Heilsversprechen - insbesondere auch unter dem historischen Blickwinkel - immer großen Zulauf.


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