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Moderner
Konkurrenzkampf: Immer mehr Psychoterror am Arbeitsplatz
Erfurt
(12.01.2000) - Mit 50 Jahren kapitulierte der Dozent an einer Südthüringer
Fachhochschule endgültig vor dem Psychoterror seiner Vorgesetzten
und Kollegen. Jahrelanges Mobbing hatte ihn derart zermürbt, dass
er seelisch und körperlich am Ende war. Erst spät suchte er ärztliche
Hilfe. Heute ist der Hochschullehrer erwerbsunfähig, in Rente und
aus Thüringen weggezogen. Nicht einmal wohnen bleiben mochte er
hier noch.
Mobbing, also die gezielte Schikanierung von Arbeitnehmern durch
Vorgesetzte oder Kollegen, sei auch in Thüringen in den
vergangenen zehn Jahren zu einem "stark zunehmenden
Problem" geworden, sagt die stellvertretende
Landesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Renate
Licht. Verantwortlich dafür sei Verdrängungswettbewerb auf dem
Arbeitsmarkt - Folge anhaltend hoher Arbeitslosigkeit.
Allein in der Erfurter DGB-Rechtsberatungsstelle machte Mobbing im
vergangenen Jahr zehn Prozent aller Beratungsfälle aus, so deren
Leiter Volker Busch. Die Dunkelziffer liege weit höher. "Was
zu uns kommt, ist nur die Spitze des Eisbergs."
Nach Erfahrungen von Gewerkschaftern und Psychologen wird in Thüringen
vor allem in Verwaltungen, Versicherungen, Verlagen und Krankenhäusern
gemobbt. Diese Jobs seien gut bezahlt, der Konkurrenzkampf um sie
werde mit allen Mitteln ausgetragen.
Mobbing-Methoden seien äußerst vielfältig und schwer
nachweisbar, erklärt die Erfurter Psychologin Sylvia Wunderlich.
Geradezu "klassisch" sei es, das Opfer vom internen
Informationsfluss abzuschneiden: "Da kommen Anweisungen
absichtlich nicht an, anschließend wird die vermeintliche
Fehlleistung kritisiert."
In besonders perfiden Fällen würden Arbeitsergebnisse
vernichtet, etwa Computerdateien gelöscht. Üblich sei auch
fachliche Unterforderung. Darunter litten Mobbing-Opfer besonders,
denn sie seien in vielen Fällen überdurchschnittlich leistungsfähig
und -willig. Oft kämen Angriffe auf ihr Privatleben hinzu: Lästern,
abwertende Blicke und Gesten, Andeutungen, Gerüchte.
Mobbing funktioniert nach Ansicht der Psychologin zumeist von oben
nach unten, also vom Chef zum Untergebenen. Die mittlere
Leitungsebene bediene sich häufiger des Psychoterrors und beziehe
oft einen Teil der Kollegen mit ein. Dass Arbeitnehmer gemeinsam
ihren Chef mobben, komme seltener vor.
Die Folgen von monatelangem Mobbing: Die Betroffenen ziehen sich
zurück, isolieren sich dadurch noch mehr und werden schließlich
ernstlich krank. Zunächst körperlich oder psychosomatisch.
Magengeschwüre oder Kopfschmerzen sind Wunderlich zufolge
typische Mobbing-Symptome. Dazu kämen Depressionen bis hin zu
Selbstmordgedanken und Suizidversuchen.
Mitunter ziehen die Opfer von sich aus die Konsequenzen und kündigen.
Mobbing gehöre zu jenen triftigen Gründen für eine Eigenkündigung,
bei denen es nicht zu einer zeitweiligen Sperre des
Arbeitslosengeldes kommt, sagt die Pressesprecherin des
Landesarbeitsamtes Sachsen-Anhalt/Thüringen, Bianka Kleschtschow.
Für die deutsche Wirtschaft ist Mobbing längst zu einem
Kostenfaktor geworden. Produktionsausfälle und die medizinische
Behandlung von Mobbing-Opfern kosten nach Hochrechnungen von
Experten jährlich 25 Milliarden Mark.
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