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© PSYCHOTHERAPIE 30.06.2001Weltweit größte Studie zu Angststörungen und Depressionen deckt Untauglichkeit primärärztlicher Versorgung aufBei Angsterkrankungen nicht zum Hausarzt
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Generalisierte Angststörung (nach DSM-IV) |
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Definition der Generalisierten Angststörung nach DSM-IV Kriterien A. Übermäßige andauernde Angst und Sorgen (ängstliche Besorgnis,
furchtsame Erwartung, Gefühl drohenden Unheils) bezüglich mehrerer
Lebensumstände, Ereignisse und Tätigkeiten (mind. 6 Monate hinweg an den
meisten Tagen). |
Für deutsche Ärzte und Psychotherapeuten ist bei der Abrechnung mit den Krankenversicherungen die Diagnosestellung nach der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in zur Zeit 10. Auflage herausgegebenen "Internationalen Klassifikation der Erkrankungen" (ICD-10) verbindlich.
Generalisierte Angststörung (F 41.1 ICD-10) |
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Definition der Generalisierten Angststörung nach ICD-10 Kriterien Das wesentliche Symptom ist eine generalisierte und anhaltende Angst,
die aber nicht auf bestimmte Situationen in der Umgebung beschränkt oder
darin nur besonders betont ist, d.h. sie ist frei flottierend. Wie bei
anderen Angststörungen sind die hauptsächlichen Symptome sehr
unterschiedlich, aber Beschwerden wie ständige Nervosität, Zittern,
Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühle
oder Oberbauchbeschwerden gehören zu diesem Bild. Häufig werden
Befürchtungen geäußert, der Patient selbst oder ein Angehöriger könnten
demnächst erkranken oder verunglücken, sowie eine große Anzahl anderer
Sorgen und Vorahnungen. Diese Störung findet sich häufiger bei Frauen,
oft in Zusammenhang mit langdauernder Belastung durch äußere Umstände.
Der Verlauf ist unterschiedlich, tendiert aber zu Schwankungen und
Chronifizierung. |
Nach einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind generalisierte Angstbeschwerden der zweithäufigste psychische Konsultationsanlass in Allgemeinarztpraxen. Weil sie vom Allgemeinarzt jedoch nur selten erkannt werden, wird aus einer im Anfangsstadium mit kognitiver Verhaltenstherapie und ohne Medikamente schnell und gut behandelbaren psychischen Störung eine chronische Erkrankung. Ihre auch nach WHO-Befunden besonders schlechte Versorgung führt dazu, dass GAS-Patienten die Gesundheitsdienste extrem häufig in Anspruch nehmen ("High Utilizer"). Zur Vermeidung sekundärer Komplikationen und entstehender Chronizität sind Früherkennung und Frühbehandlung wichtig.
Generalisierte Angststörung im Beispiel |
| Wittchen schildert
nachfolgendes typisches Beispiel einer 38-jährigen Patientin (Stefanie)
mit generalisierter Angst, die an seiner Studie teilnahm: "Ich kann einfach nicht mehr - ich kann vor Sorgen und Anspannung schon seit Wochen nicht mehr schlafen, es ist mir einfach alles zu viel! Irgendwie schaffe ich das nicht mehr – es ist alles zu viel! Das geht nun schon seit Monaten. Gestern früh hatte ich wieder einmal einen richtigen Zusammenbruch, wieder so eine Nacht und kein Auge zugemacht - nur dieses Grübeln, diese Sorgen und Herzrasen! Und dann ging morgens wieder alles schief, die Kinder trödelten, mir fiel das Marmeladenglas runter und wir waren schon zu spät dran, und dann - suchte Paul wie immer wieder seine Schuhe! Es war zum Durchdrehen; ich habe nur noch rumgeschrieen und dann auch noch vergessen, ihnen das Geld für den Bus zu geben. Als sie dann raus waren, ging es los, 'Oh Gott, was habe ich nur gemacht, jetzt habe ich die Kinder auch noch so nervös gemacht! Hoffentlich passen sie bei der Strasse auf, da war doch dieser schreckliche Unfall mit dem Sattelschlepper! Jetzt habe ich sie wahrscheinlich mit meiner Nervosität angesteckt... wenn sie deswegen bei der Strasse nicht aufpassen??? Ob sie überhaupt den Bus gekriegt haben? Vielleicht stehen die immer noch da? Vielleicht sollte ich noch einmal hinterher rennen?' Und so ging das immer weiter. Um 10 nach 8 war ich vollkommen fertig, Tränen, Zittern, Schweiß und die Angst - ich konnte nicht mehr klar denken und war vollkommen fertig! So geht das jeden Tag." |
Im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen wie
Depression oder Schizophrenie, die gemeinhin durch ihre hohen direkten
(Behandlungs-) Kosten als teuer gelten, wird bei den Angststörungen
übersehen, dass deren indirekte Kosten (angstbedingte Fluktuationskosten,
angstbedingter Alkohol- und Medikamentenkonsum, angstverursachte Fehlzeiten,
chronische Leistungsminderung, Fehlerhäufigkeit usw.) die direkten Kosten um
ein Vielfaches übersteigen.
Die Generalisierte Angststörung, an der über 2,5 Millionen Bundesbürger
leiden, hat die höchsten arbeitsbezogenen Einschränkungen (angstbedingte
Fehlzeiten und Minderleistung), wie die nachfolgende Abbildung belegt.

Diese gesundheitsökonomisch deutlich größeren Kosten von Angststörungen
entstehen durch die höhere Prävalenz (Anteil von Erkrankten in der
Bevölkerung) und die größere Chronizität infolge Verschleppung und
Fehlbehandlung in der ärztlichen Praxis. Die Wirtschaftswissenschaftler
Winfried Panse und Wolfgang Stegmann von der Fachhochschule Köln
bezifferten den gigantischen Schaden, der der deutschen Volkswirtschaft
allein durch Angst entsteht, in ihrer Studie "Kostenfaktor
Angst" auf 100 Milliarden DM pro Jahr.

Die absehbaren demografischen, ökonomischen und
politischen Zwänge, die auf das Gesundheitssystem wirken, werden die
Qualität der hausärztlichen Versorgung noch unzulänglicher werden lassen
(siehe den PSYCHOTHERAPIE-Artikel "'Gesundheitslotse' Hausarzt? Nein danke"
vom 18.05.2001). "Vor diesem Hintergrund bedarf es eines
'mündigen' Patienten, der sich selbst über sein Krankheitsbild informiert",
empfehlen deshalb die Autoren der Studie im Sonderheft Nr. 1/2001 der "Münchner
Medizinischen Wochenschrift (MMW) - Fortschritte der Medizin" (S.
49).
Auch Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut und Leiter der Angstambulanz am
ABARIS Institut für Psychotherapie, Stuttgart, sieht "im 'mündigen' Patienten, der sich zielgerichtet nach harten
wissenschaftlichen Kriterien informiert", den besten Weg, um zu einem
Höchstmaß an Gesundheit bei geringsten Kosten zu gelangen: "Eine kognitive Verhaltenstherapie braucht heute weniger als 12
Stunden, um eine Angststörung dauerhaft zu beseitigen. In einem System, in
dem Ärzte an Krankheit verdienen, ist es jedoch die blanke Utopie
anzunehmen, dass Patienten, die mit den für Angststörungen typischen
körperlichen Symptomen geradezu eine Einladung zum Geldverdienen darstellen,
vom Hausarzt unverzüglich zu qualifizierten Psychotherapeuten geschickt
werden."
Im Rahmen der GAD-P-Studie (Generalisierte Angst
und Depression in der Primärärztlichen Versorgung) wurden 558
stichprobenartig ausgewählte Ärzte sowie über 20.000 Patienten ausführlich
befragt. Dabei zeigte sich bereits im Vorfeld, dass die Ärzte die
generalisierte Angststörung (GAS) zwar kennen, aber es schwierig fanden, das
Krankheitsbild differenzialdiagnostisch einzuordnen und geeignete
Therapieverfahren auszuwählen. Die unzureichende Kompetenz der Ärzte bei
psychischen Störungen und ihre ökonomischen Zwänge führten wiederum dazu,
dass die befragten Primärärzte die GAS-Patienten fälschlich als "schwierig" und "betreuungsaufwändig"
einschätzten. Völlig fehlgehend diagnostizierten die Hausärzte sogar
vielfach dort GAS, wo "noch nicht einmal eines der
Kernmerkmale einer Generalisierten Angststörung" vorlag, berichtete
Wittchen.
Erschreckend ist das Ausmaß des hausärztlichen Unvermögens bzw. der
Fehlbehandlung, welches die GAD-P-Studie offenlegt: "Der
Hausarzt stellt sehr häufig die eindeutige Diagnose GAS ohne dass aufgrund
des Studien-Instruments hinreichende Hinweise für die Berechtigung für eine
derartige Diagnose zu finden sind. Neben den 319 richtig erkannten GAS
Patienten, diagnostizierten die Hausärzte bei weiteren 1649 Patienten eine
generalisierte Angststörung." Nur ein Drittel der generalisierten
Angststörung wurde beim Hausarzt richtig erkannt und von allen
hausärztlichen Diagnosen generalisierter Angst wiederum waren nur 16%
(!) richtig!
Bei einem Drittel der tatsächlich an generalisierter Angst erkrankten
Patienten äußerte der behandelnde Arzt noch nicht einmal den Verdacht auf
irgendeine eine psychische Störung. Bei einem derartigen diagnostischen
Versagen der Hausärzte bei einer Angsterkrankung, die bereits den Charakter
einer "Volkskrankheit" hat, ist es nicht
überraschend, eine ähnlich unakzeptable Therapiesituation festzustellen.
Fast jeder zweite GAS-Patient wurde nicht behandelt, zumeist weil die
Erkrankung nicht erkannt worden war. "Doch selbst eine
richtige Diagnose ist keine Garantie für eine gute Therapie", sagte
Wittchen.
Mit der Dauer der Erkrankung tritt zur Angststörung im
Verlaufe der immer mehr deprimierenden erfolglosen Bewältigungsversuche der
Betroffenen und der untauglichen und chronifizierenden Behandlungsversuche
der Ärzte häufig eine Depression hinzu (Komorbidität). Die Analyse der
Frage, wo die an der GAD-P-Studie teilnehmenden Patienten mit
generalisierter Angst und Depressionen bislang behandelt wurden, führte zu
einem bestürzenden Ergebnis (siehe Abbildung):

Der weit überwiegende Teil der psychisch erkrankten Patienten ist vom
Hausarzt behandelt worden - zumeist falsch. Ein beträchtlicher Teil von
Patienten (20 bis 26,7%) hat für eine Erkrankung, die sich mit wenigen
Stunden kognitiver Verhaltenstherapie erfolgreich behandeln lässt, sogar
schon einen teuren und - so ist bei fortbestehender Erkrankung anzunehmen -
untauglichen Klinikaufenthalt hinter sich. Weniger als die Hälfte der
Angst-Patienten (46,6%) und weniger als ein Drittel der Depressiven (30%)
haben überhaupt Kontakt mit einem wirtschaftlichen Kompetenzträger für
psychische Erkrankungen gehabt - dem niedergelassenen Psychotherapeuten.
Zieht man bei realistischer Betrachtung von dem Anteil der Psychotherapeuten
jenen deutlich größeren Anteil ab, den die für diese Erkrankungen
ungeeigneten Psychoanalytiker unter den psychologischen und ärztlichen
Psychotherapeuten bilden, so ergibt sich nur ein Bruchteil geeigneter
Behandler-Kontakte mit kognitiven Verhaltenstherapeuten. Oder, wie der
Psychotherapeut Luchmann zusammenfasst, "der absolut
unbefriedigende Zustand, dass psychische Erkrankungen in Deutschland noch
immer regelhaft auf die denkbar teuerste und untauglichste Weise
fehlbehandelt werden".
Für diese unerträgliche Situation gibt es mehrere Gründe. Der ärztliche
Dauer-Konflikt zwischen Ethik und Einkommenssicherung trägt hierzu ebenso
bei wie die simple Überforderung der Hausärzte mit psychischen Störungen
oder gar Psychotherapie. Sehr aufschlussreich ist hier die in der
GAD-P-Vorstudie hinterfragte Einstellung der Hausärzte. Der
zweckmäßigen Auffassung, "Wenn möglich versuche ich GAS Patienten zu
überweisen", stimmten nur 15,5 % (!) der Hausärzte voll zu. Statt dessen
vertreten die Hausärzte mehrheitlich die unsinnige und kostenträchtige
Position, "Nach meiner Erfahrung haben moderne Antidepressiva bei GAS die
bessere Wirksamkeit". Die dramatischen Kosten und das immense Leid, das
Hausärzte ihren psychisch kranken Patienten und der Gesellschaft damit
zufügen, wird nur durch beständige öffentliche Information zu mindern sein.
"Aufklärung und ärztliche Weiterbildung sind gefragt",
erklärte Wittchen.
Allerdings: Systemimmanente Konflikte kann keine
ärztliche Weiterbildung beheben. Die Fachärzte selbst halten ihre
hausärztlichen Kollegen als "Hausarzt-Lotse"
untauglich. "Die Führungsspitze des Internistenverbandes
(BDI) spricht den Allgemeinärzten jede
Existenzberechtigung ab. Die taugten nicht als 'richtige' Ärzte und seien
auch für die Koordination und den mit 'bio-psycho-sozial' umschriebenen
Bereich überflüssig", stellte die medizinische Wochenzeitung "Medical
Tribune" am 29.06.2001 auf Seite 1 fest. "Allgemeinärzte
und Praktiker seien mit der Versorgung von Volkskrankheiten überfordert und
daher im Gesundheitssystem überflüssig", zitiert die Zeitung
BDI-Präsident Gerd Guido Hofmann, für den die läppische
allgemeinmedizinische Weiterbildung "ein Skandal"
ist (S. 20). Betroffenen kann nur empfohlen werden, gleich direkt zum
kognitiven Psychotherapeuten bzw. Verhaltenstherapeuten zu gehen (siehe
PSYCHOTHERAPIE Lese-Tipp). Nach einer Umfrage der Gemeinschaft
Fachärztlicher Berufsverbände (GFB) suchen inzwischen ohnehin zwei Drittel
der Patienten direkt, also ohne Überweisung, einen Facharzt auf. Für Hofmann
ist dies "ein weiter Beleg dafür, dass sich die Mehrheit
der Patienten zutraut, selbst entscheiden zu können, welcher Arzt ihnen
sofort helfen kann". In psychischen Belangen ist dies in der Regel
ein Diplom-Psychologe und psychologischer Psychotherapeut.
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Angst- und Panikstörungen einschließlich der
generalisierten Angst gehören zu den am besten behandelbaren und
kostengünstigsten psychischen Erkrankungen - beim richtigen Spezialisten. "Bei rechtzeitiger und richtiger Diagnostik gibt es überhaupt keinen Grund,
Menschen mit Phobien bzw. mit einer Angststörung in eine Klinik einzuweisen oder mit Medikamenten zu
behandeln", sagt die Psychotherapeutin und
Fachärztin für Neurologie Carmen Heerdegen aus Stuttgart. Psychotherapeut
Dietmar G. Luchmann verweist darauf, dass in seiner Angstambulanz pro
erfolgreicher Behandlung mit kognitiver Verhaltenstherapie selten mehr als
12 Stunden an Therapiedauer und 3.000 DM an Gesamtkosten anfallen, obwohl
hinter den meisten Klienten bereits jahrelange "Angst-Karrieren"
liegen, die zuvor ein Vielfaches an Kosten verursacht haben.
Lesen Sie im Teil 2 dieses
Beitrages mehr über Details und Ergebnisse der Studie zur "Generalisierten
Angststörung" (in Vorbereitung).
Abbildungen: © 2001 Hans-Ulrich Wittchen, TU Dresden /
MPI München
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© 1995-2005 PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Alle Rechte vorbehalten. PSYCHOTHERAPIE erscheint im Psychotherapie-Verlag am ABARIS® Institut für Psychotherapie, Coaching und Verhaltenstherapie, Luckau, Brandenburg. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Erlaubnis durch den Psychotherapie-Verlag. |
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