© PSYCHOTHERAPIE 26.09.2000
Gesundheitsökonomische Bedeutung von Angsterkrankungen
unterschätzt
Jeder Fünfte psychisch krank
Angst an der Spitze psychischer Störungen von acht Millionen
Deutschen
VON GOTTLIEB SEELEN
Mehr als acht Millionen Bundesbürger
leiden an einer psychischen Störung, die behandelt werden
müsste. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler des
Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der
Technischen Universität Dresden. Sie stellten Ergebnisse ihrer
Gesundheitsstudie 1998/1999 beim 42. Kongress
der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Jena vor.
Die Studie beruht auf einer
repräsentativen Untersuchung von über 7.000 Testpersonen im
Alter von 18 bis 65 Jahren. Demnach war fast jeder Fünfte von
psychischen Störungen betroffen. Mehr als ein Drittel von ihnen
erfüllte zudem die Kriterien von mindestens zwei Diagnosen.
An der Spitze rangieren verschiedene Formen von Angst- und
Panikstörungen (neun Prozent) und depressive Erkrankungen
(sieben Prozent) sowie die so genannten somatoformen Störungen,
zum Beispiel Schmerzsyndrome. Außerdem stellten die Forscher
fest, dass viele der Testpersonen zu viel Alkohol trinken und zu
viel rauchen und davon abhängig sind.
Die Auswirkungen auf das soziale Umfeld und den Arbeitsplatz
seien erheblich, heißt es in dem Bericht. So sind depressive
Menschen auf Grund ihrer Erkrankung durchschnittlich zwei Tage
im Monat arbeitsunfähig und haben an 7,2 Tagen nur eine
eingeschränkte Arbeitsproduktivität. Angstpatienten fehlen im
Durchschnitt einen Tag pro Monat im Betrieb und sind an 4,6
Tagen weniger effektiv als sonst. Das war bei allen
Altersgruppen gleich, ob Männer oder Frauen, Ost- oder
Westdeutsche.
Meist handele es sich nur um vorübergehende Erkrankungen, sagte
Susanne Winter vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie. "Psychische Störungen sind keine seltenen
Einzelschicksale, sondern von großer gesundheitsökonomischer
Bedeutung, die meist unterschätzt wird."
Die Mehrheit der Angestellten in deutschen Büros wird von
Ängsten geplagt. 60 Prozent der Beschäftigten verspüren immer
wieder Angst-Attacken. Das geht aus einer ebenfalls heute in
Köln vorgestellten Umfrage des Forsa-Instituts hervor.
Die Meinungsforscher hatten rund 1.000 Arbeitnehmer befragt.
Danach haben nur etwa ein Drittel (34 Prozent) der Beschäftigten
keine Angst im Betrieb. Hauptursache für die Ängste der
Arbeitnehmer sei mit 28 Prozent die Furcht vor eigenen Fehlern,
gefolgt von der Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes (27
Prozent). Dagegen rücken andere Gründe wie die Kritik vom Chef
oder die Konkurrenz zu Kollegen mit jeweils elf Prozent in den
Hintergrund.
Die Forscher stellten deutliche Unterschiede zwischen Ost und
West fest: In Ostdeutschland dominiert den Ergebnissen zufolge
die Furcht vor der Kündigung (39 Prozent). Mögliche eigene
Fehler sind dort noch bei fast jedem dritten Arbeitnehmer (31
Prozent) Auslöser der Angst. Bei den Frauen überwiegt bundesweit
mit 32 Prozent die Furcht vor eigenen Fehlern. 30 Prozent
fürchten einen Arbeitsplatzverlust, Angst vor Mobbing haben 19
Prozent.
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Psychotherapie, Paartherapie u.v.m.
Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
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Die Angst gehört umso häufiger zum
Arbeitsalltag, je mehr sich das Unternehmen in turbulentem
Fahrwasser befindet und Umstrukturierungsmaßnahmen oder sogar
der Verkauf der Firma drohen. Gesprochen werde darüber jedoch
selten. Stattdessen werde vor allem in Managerkreisen zu
Alkohol, Schlaf- oder Beruhigungstabletten gegriffen. "Die unnötige Tabuisierung psychischer Probleme
verschleppt eine wirksame therapeutische Lösung über viele Jahre",
stellt Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut und Leiter der
Stuttgarter Angstambulanz des ABARIS Institutes für
Psychotherapie, fest. Die Angstambulanz bietet eine
effektive Kurzzeitbehandlung mit kognitiven und
verhaltenstherapeutischen Verfahren von durchschnittlich weniger
als 14 Stunden. Auf Wunsch ist ein begleitendes Coaching nach
Abschluss der Therapie verfügbar.
Winfried Panse, Inhaber des Lehrstuhls für
Betriebswirtschaftslehre und Personalwesen an der
Fachhochschule Köln, und Wolfgang Stegmann haben in ihrer
Studie "Kostenfaktor Angst" dargestellt, "daß
durch Ängste allein der deutschen Wirtschaft jährlich ein
Schaden von über 100 Milliarden DM entsteht." In ihrem
gleichnamigen Buch betonen Panse und Stegmann: "Für uns ist Angstmanagement kein sozialromantischer
Prozeß, sondern ein Gebot betrieblicher Ökonomie"
(S.175f).
Nach einer Hochrechnung der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) liegen psychische Störungen, insbesondere Depressionen und
Angsterkrankungen, bei den kostenintensivsten Krankheiten ganz
vorn. Die Experten rechnen zudem mit einer deutlichen Zunahme.
Für das Jahr 2020 erwarten sie, dass allein Depressionen den
zweiten Platz bei den am meisten belastenden Krankheiten
einnehmen.
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