© PSYCHOTHERAPIE 20.09.2000
"Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und
Nervenheilkunde" : Umwelt, Stress und psychische Gesundheit
"Umweltkrankheiten" entspringen oft Psyche
Angst und Stress sind häufiger Ursache von psychischen
Beschwerden als Umweltgifte
VON
DIETMAR G. LUCHMANNImmer mehr Menschen glauben
nach Expertenangaben irrtümlich, von Schadstoffen in der Umwelt
krank zu werden. Tatsächlich sei in nur etwa einem Prozent der
Fälle ein kausaler Zusammenhang zwischen Umweltgiften und
Krankheitsbild nachweisbar, erklärte Hermann Ebel beim Kongress
der "Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie,
Psychotherapie und Nervenheilkunde" am heutigen Mittwoch
in Aachen. Die Ursachen für die zunächst unerklärbaren Symptome
lägen oft in der Psyche.
Die betroffenen Patienten seien keineswegs
Simulanten: "Das sind sehr gequälte Menschen,
die einen langen Leidensweg hinter sich haben", sagte
Ebel unter Bezug auf eine Studie mit 50 Patienten am Aachener
Klinikum. Die Beschwerden reichten von Kopfschmerzen über
Atembeschwerden, bis zum Haarausfall, Konzentrationsstörungen
und Angstzuständen. Als Ursache ihrer Krankheit nannten die
Patienten Schadstoffe wie Amalgamfüllungen, Lacke,
Schimmelbakterien, Elektrosmog oder Holzschutzmittel.
Tatsächlich ergaben Untersuchungen des Blutes und der
Lebensräume der Betroffenen keine Hinweise auf die genannten
Umweltgifte.
Dafür fanden Psychiater Anzeichen dafür, "dass
die Symptome Antworten des Körpers auf ungelöste Konflikte sind",
sagte Ebel. Beim Auftreten der "Gesundheitsstörung"
hätten viele Patienten eine starke psychische Belastung ertragen
müssen. Bei rund 60 Prozent der Betroffenen seien psychische
Erkrankungen nach ICD-10 diagnostiziert worden wie
beispielsweise somatoforme, depressive und wahnbedingte
Störungen. Trotzdem lehne die Gruppe der "Umweltkranken"
mehr als andere Patientengruppen eine psychische Behandlung ab.
Ebel plädierte dafür, die Patienten gleichwohl ernst zu nehmen:
"Nur wenn man solche Störungen ernst nimmt,
kann eine Therapie erfolgreich sein. Dazu gehören
Entspannungstraining, Lernprogramme für den Umgang mit Stress
und die Verbesserung der sozialen Kompetenz". Die
Patienten litten unter ihren psychovegetativen und
psychosomatischen Beschwerden ebenso oder stärker als Patienten
mit organischen Erkrankungen.
Einer speziellen Therapie bedarf es in diesen Fällen nicht. In
dem beträchtlichen Umfang, in dem die "Umweltkrankheiten"
auf Angst und Fehlinterpretationen zurückgingen, kann eine
kognitive Verhaltenstherapie die Denkfehler und das in Bezug
auf die nicht vorhandene "Umweltschädigung"
gewissermaßen "wahnhaft" orientierte
Denken korrigieren helfen. Allerdings besteht die größte
Schwierigkeit darin, diese Kranken für den psychotherapeutischen
Zugang zu ihren Problemen zu öffnen. Menschen mit
psychovegetativen und psychosomatischen Störungen erleben
körperliche und psychische Vorgänge als voneinander unabhängig.
Obwohl die Betroffenen einerseits aufrichtig Hilfe suchen,
widerstrebt ihnen andererseits heftig die Einsicht in die
Konfliktbedingtheit ihrer psychophysischen Störung. Denn gerade
die Somatisierung hilft ihnen, die Auseinandersetzung mit eben
jenen Konflikten (z.B. in der Partnerschaft, Familie oder am
Arbeitsplatz) zu vermeiden. So entstehen hier zwei gegenläufige
Botschaften des Kranken: Dem Hilferuf über die Beschwerden steht
die Angst vor der Bearbeitung und Lösung der Konflikte
gegenüber. Der erste Schritt zur Psychotherapie führt daher nur
über eine Sensibilisierung der Betroffenen für die zeitlichen
und kausalen Zusammenhänge, anfänglich häufig begleitet von
einer Verstärkung der Symptome.
Dass Menschen Umweltursachen für ihre körperlichen Beschwerden
verantwortlich machten, sei bereits seit 150 Jahren bekannt. "Wenn neue Stoffe eingeführt wurden in den
Lebensalltag, wurden sie Ursache für solche unspezifischen
Beschwerden. Dies breitete sich epidemieartig aus", sagte
Ebel. Als beispielsweise um 1830 die Stahlfeder den Gänsekiel
als Schreibinstrument ersetzte, hätten viele Menschen mit einem
Schreibkrampf reagiert, ohne dass man dies einer neurologischen
Erkrankung zuordnen konnte.
Die ausführliche Berichterstattung in den Medien über belastete
Lebensmittel und die vergiftete Umwelt kann empfängliche
Menschen durchaus zu der irrtümlichen Annahme führen, die bei
ihnen als Folge einer natürlichen, psychischen Erschöpfung
oder Stressreaktion auftretenden Symptome, die als solche
aber nicht erkannt werden, seien durch Umweltgifte bedingt.
Wenn zu dieser Ereigniskonstellation noch ein sekundärer
Krankheitsgewinn kommt, weil Partner oder Familie die
psychovegetativen und psychosomatischen Symptome des Kranken
pflegen oder die Symptome sogar eine die Partnerschaft oder
Familie stabilisierende Funktion gewinnen, so ist der
Teufelskreis komplett und die Heilungsaussicht gering: Das
Ergebnis ist dann tatsächlich eine "Umweltkrankheit".
Ein Umweltschaden der freilich etwas anderen Art.
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