PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 20.09.2000

"Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde" : Umwelt, Stress und psychische Gesundheit

"Umweltkrankheiten" entspringen oft Psyche
Angst und Stress sind häufiger Ursache von psychischen Beschwerden als Umweltgifte

VON DIETMAR G. LUCHMANN

Immer mehr Menschen glauben nach Expertenangaben irrtümlich, von Schadstoffen in der Umwelt krank zu werden. Tatsächlich sei in nur etwa einem Prozent der Fälle ein kausaler Zusammenhang zwischen Umweltgiften und Krankheitsbild nachweisbar, erklärte Hermann Ebel beim Kongress der "Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde" am heutigen Mittwoch in Aachen. Die Ursachen für die zunächst unerklärbaren Symptome lägen oft in der Psyche.

Die betroffenen Patienten seien keineswegs Simulanten: "Das sind sehr gequälte Menschen, die einen langen Leidensweg hinter sich haben", sagte Ebel unter Bezug auf eine Studie mit 50 Patienten am Aachener Klinikum. Die Beschwerden reichten von Kopfschmerzen über Atembeschwerden, bis zum Haarausfall, Konzentrationsstörungen und Angstzuständen. Als Ursache ihrer Krankheit nannten die Patienten Schadstoffe wie Amalgamfüllungen, Lacke, Schimmelbakterien, Elektrosmog oder Holzschutzmittel. Tatsächlich ergaben Untersuchungen des Blutes und der Lebensräume der Betroffenen keine Hinweise auf die genannten Umweltgifte.

Dafür fanden Psychiater Anzeichen dafür, "dass die Symptome Antworten des Körpers auf ungelöste Konflikte sind", sagte Ebel. Beim Auftreten der "Gesundheitsstörung" hätten viele Patienten eine starke psychische Belastung ertragen müssen. Bei rund 60 Prozent der Betroffenen seien psychische Erkrankungen nach ICD-10 diagnostiziert worden wie beispielsweise somatoforme, depressive und wahnbedingte Störungen. Trotzdem lehne die Gruppe der "Umweltkranken" mehr als andere Patientengruppen eine psychische Behandlung ab.

Ebel plädierte dafür, die Patienten gleichwohl ernst zu nehmen: "Nur wenn man solche Störungen ernst nimmt, kann eine Therapie erfolgreich sein. Dazu gehören Entspannungstraining, Lernprogramme für den Umgang mit Stress und die Verbesserung der sozialen Kompetenz". Die Patienten litten unter ihren psychovegetativen und psychosomatischen Beschwerden ebenso oder stärker als Patienten mit organischen Erkrankungen.

Einer speziellen Therapie bedarf es in diesen Fällen nicht. In dem beträchtlichen Umfang, in dem die "Umweltkrankheiten" auf Angst und Fehlinterpretationen zurückgingen, kann eine kognitive Verhaltenstherapie die Denkfehler und das in Bezug auf die nicht vorhandene "Umweltschädigung" gewissermaßen "wahnhaft" orientierte Denken korrigieren helfen. Allerdings besteht die größte Schwierigkeit darin, diese Kranken für den psychotherapeutischen Zugang zu ihren Problemen zu öffnen. Menschen mit psychovegetativen und psychosomatischen Störungen erleben körperliche und psychische Vorgänge als voneinander unabhängig.

Obwohl die Betroffenen einerseits aufrichtig Hilfe suchen, widerstrebt ihnen andererseits heftig die Einsicht in die Konfliktbedingtheit ihrer psychophysischen Störung. Denn gerade die Somatisierung hilft ihnen, die Auseinandersetzung mit eben jenen Konflikten (z.B. in der Partnerschaft, Familie oder am Arbeitsplatz) zu vermeiden. So entstehen hier zwei gegenläufige Botschaften des Kranken: Dem Hilferuf über die Beschwerden steht die Angst vor der Bearbeitung und Lösung der Konflikte gegenüber. Der erste Schritt zur Psychotherapie führt daher nur über eine Sensibilisierung der Betroffenen für die zeitlichen und kausalen Zusammenhänge, anfänglich häufig begleitet von einer Verstärkung der Symptome.

Dass Menschen Umweltursachen für ihre körperlichen Beschwerden verantwortlich machten, sei bereits seit 150 Jahren bekannt. "Wenn neue Stoffe eingeführt wurden in den Lebensalltag, wurden sie Ursache für solche unspezifischen Beschwerden. Dies breitete sich epidemieartig aus", sagte Ebel. Als beispielsweise um 1830 die Stahlfeder den Gänsekiel als Schreibinstrument ersetzte, hätten viele Menschen mit einem Schreibkrampf reagiert, ohne dass man dies einer neurologischen Erkrankung zuordnen konnte.

Die ausführliche Berichterstattung in den Medien über belastete Lebensmittel und die vergiftete Umwelt kann empfängliche Menschen durchaus zu der irrtümlichen Annahme führen, die bei ihnen als Folge einer natürlichen, psychischen Erschöpfung oder Stressreaktion auftretenden Symptome, die als solche aber nicht erkannt werden, seien durch Umweltgifte bedingt.

Wenn zu dieser Ereigniskonstellation noch ein sekundärer Krankheitsgewinn kommt, weil Partner oder Familie die psychovegetativen und psychosomatischen Symptome des Kranken pflegen oder die Symptome sogar eine die Partnerschaft oder Familie stabilisierende Funktion gewinnen, so ist der Teufelskreis komplett und die Heilungsaussicht gering: Das Ergebnis ist dann tatsächlich eine "Umweltkrankheit". Ein Umweltschaden der freilich etwas anderen Art.

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