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© PSYCHOTHERAPIE 24.08.2000
Kampf der Dentisten mit den Dental-Phobikern: Zahnärzte behandeln die Ängste
ihrer Patienten oft falsch
Angst beim Zahnarzt ist weit verbreitet
Gegen das Zittern vor dem Bohrer hilft am besten kognitive
Verhaltenstherapie
VON GOTTLIEB SEELEN
Für viele Menschen ist der
Gang zur zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchung oder zur Parodontosebehandlung
eine unangenehme Pflicht. Einem beträchtlichen Teil verursacht die
Vorstellung an einen Zahnarztbesuch wahre Qualen und Alpträume. Doch die
"Dentalphobie" kann - wie andere Ängste auch - sehr
gut überwunden werden: Mit Psychotherapie.
Je größer die Angst, desto größer ist der Bogen, den
die Betroffenen um die Zahnarztpraxis machen: Wenn der Bohrer jault, der
Absauger schlürft, die grelle Lampe blendet - beim Zahnarztbesuch ergreift
sie die Panik. Experten schätzen, dass zwischen sechs und 14 Prozent der
Bevölkerung sehr starke Angst vor dem Zahnarzt hegen und deshalb nur in
absoluten Notfällen eine Praxis betreten.
Denn gelegentlich stirbt man sogar beim Zahnarzt - aus Angst. So war ein
Mann in Österreich vor Aufregung beim Zahnarzt tot zusammengebrochen. Der
41-jährige, der sich in Freistadt (Oberösterreich) wegen starker
Zahnschmerzen behandeln lassen wollte, habe kurz nach der Verabreichung der
Narkose einen Hirnstamminfarkt erlitten, berichtete die Tageszeitung "Kurier"
am 28.04.2000.
Der Infarkt sei auf die große Aufregung des Patienten zurückzuführen, hieß
es unter Berufung auf die Ärzte, die die Obduktion durchführten. Dieser Tod
sei an sich nichts Ungewöhnliches, sagten die Mediziner. Bei manchen
Menschen könne eine verstärkte Ausschüttung von Stresshormonen einen
tödlichen Schock verursachen.
Aber auch für die große Masse ist die Zahnarztpraxis nicht unbedingt der
liebste Aufenthaltsort: "Sechzig Prozent der Menschen
gehen lieber zu irgend einem anderen Arzt", weiß Thomas Schneller von
der Medizinischen Hochschule in Hannover (MHH).
"Schlechte Erfahrungen bei einem Zahnarzt" ist die
häufigste Ursache für die Angst, sagt Schneller. Das können Schmerzen
gewesen sein oder auch eine "Zwangsbehandlung" als
Kind, die der kleine Patient nur mit Gewalt über sich hat ergehen lassen.
"Natürlich hat daran nicht in allen Fällen der Zahnarzt
schuld", sagt Schneller. Allerdings seien die meisten Zahnärzte nicht
in der Lage, auf die Angst ihrer Patienten angemessen zu reagieren. "Bis jetzt müssen Zahnärzte im Laufe des Studiums nicht eine
Stunde Psychologie absolvieren" beklagt er. Und auch nachher sei das
Interesse an psychologischem Zusatzwissen gering.
Psychologische Behandlung besser als Beruhigungsmittel
Psychologische Betreuung und Entspannungsübungen
können die Angst vor einer zahnärztlichen Behandlung sehr viel besser lösen
als Beruhigungsmittel. Das hat eine im Mai diesen Jahres veröffentlichte
Studie der Universitäten Wuppertal und Witten/Herdecke ergeben. Wie
der Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten (IME) in Bonn
mitteilte, wurden dazu Patienten untersucht, die im Schnitt seit 2,6 Jahren
nicht beim Zahnarzt waren und nun Behandlungen unter Vollnarkose vornehmen
lassen wollten.
Bei der einen Hälfte der Patienten wurde versucht, statt der Narkose nur ein
Beruhigungsmittel zu geben - die andere Hälfte erhielt eine 90-minütige
Kurzbehandlung mit Entspannungsübungen. Die zweite Methode erwies sich laut
IME als erfolgreicher: Die Zahl der Abbrecher war nur halb so groß wie nach
Gabe des Beruhigungsmittels.
Auch zeigten die psychologisch betreuten Patienten selbst nach zwei Monaten
noch ein niedriges Maß an Angst vor dem Zahnarzt. Bei den medikamentös
behandelten Studienteilnehmern dagegen setzte die Angst laut IME nach
Absetzen der Medikamente unvermindert wieder ein. Das Ergebnis spricht für
die getestete psychologische Kurzbehandlung, die Entspannungsübungen und
verhaltenstherapeutische Methoden zum Angstabbau beinhaltete.
Dietmar G. Luchmann ist Psychotherapeut und Leiter der Angstambulanz
Stuttgart des ABARIS Institutes für Psychotherapie. Patienten mit
Zahnarzt-Angst sind bei ihm keine Seltenheit. "Wer auf den
Zahnarztbesuch phobisch reagiert, hat häufig in seiner Grundpersönlichkeit
weitere phobische Anteile." Deshalb seien Interventionen
unzureichend, die allein auf die Zahnarzt- oder Dentalphobie fokussierten. "Eine Angst-Behandlung sollte das phobische Denken des
Betroffenen stets in seiner Gesamtheit verändern", sagt Luchmann, "nur dann ist der übersteigerten Angst auch auf Dauer 'der Zahn'
gezogen". Sonst breite die Angst sich wie ein Geschwür wieder aus.
Psychotherapeuten seien hierfür die richtigen Ansprechpartner.
Die kognitive Verhaltenstherapie als effektivste psychotherapeutische
Methode setzt am Denken an. Sie macht den Betroffenen ihre Gedanken
transparent und deckt die "Denkfehler" auf, die
Patienten in Bezug auf ihre phobischen Inhalte machen. "Wir
vermitteln unseren Patienten", sagt Luchmann, "wie
sie Situationen, vor denen sie sich über Jahre fürchteten, durch bewusste
Steuerung ihres Denkens gelassen erleben können". Es sei bei seinen
Zahnarztphobikern häufig nicht einmal erforderlich, die Umsetzung des
Erlernten durch den Patienten mit dem Zahnarzt abzustimmen. Doch falls
erforderlich, kooperiere Luchmann zur Konfrontationstherapie auch mit
psychologisch erfahrenen Zahnärzten. "Wenn der Patient
sein Denken verändert hat, kann er auch mit der Angst umgehen, dem Zahnarzt
in gewissem Sinne hilflos ausgeliefert zu sein."
Besonders schwierig ist die Behandlung bei den sechs bis 14 Prozent der
Fälle, die unter extremer Angst leiden. "Diese Patienten
haben keine 'normale' Zahnarzt-Angst sondern eine regelrechte Phobie",
sagt Michael Leu, Zahnarzt in Grünwald bei München, der zur besseren
Verwertung der Zahnarztphobiker sogar eine Deutsche Gesellschaft für
Zahnbehandlungsphobie (DGZP) gründete. "Bei einer Phobie
treten unterschiedliche Symptome, die die 'normale' Angst kennzeichnen, in
Kombination auf", erklärt Leu. So hätten Menschen mit so genannter
Dentalphobie zum Beispiel Herzrasen, Übelkeit, Schwindelgefühle und seien
nicht mehr in der Lage, mit dem behandelnden Arzt zu kooperieren, wie dies
bei der Hypnose zum Beispiel notwendig sei.
Vollnarkose als Konfrontationstherapie? Unfug, sagen Experten
In diesen Fällen hält Leu eine Behandlung unter
Vollnarkose für sinnvoll: "Zum einen kann der Zahnarzt
während einer Vollnarkose viel mehr richten. Und viele kommen ja erst, wenn
eine Komplett-Sanierung notwendig ist." Außerdem hätten viele
Patienten eine gute Chance, ihre Phobie so zu überwinden: "Die Behandlung unter Vollnarkose", so der Zahnarzt, "ist eigentlich eine Konfrontationstherapie: Wenn der Patient mit
dem Ergebnis zufrieden ist und eben keine Qualen durchleiden musste, dann
kann er den Phobie-Auslöser 'verharmlosen'." Deshalb hätten viele
Patienten nach einer Behandlung zwar noch "normale
Zahnarztangst", aber keine Phobie mehr.
Angstexperte und Diplom-Psychologe Luchmann widerspricht dieser
eigenwilligen Betrachtungsweise des Zahnarztes entschieden: Eine Vollnarkose
stelle ein unnötiges Risiko dar, an ihr verdiene nur der Zahnarzt und mit
Blick auf die Angst-Bewältigung bringe sie keinen Nutzen. "Vollnarkose beim Zahnarzt als geeignete
Reizkonfrontationstherapie zu bezeichnen, ist hanebüchener Unfug",
sagt Luchmann. "Wir haben strikt zu trennen zwischen der
Narkose, die aus medizinischer Sicht bei akuter Gesundheitsgefahr indiziert
ist, und der Narkose bei Phobikern, die damit ihre angstbesetzte Situation
vermeiden, obwohl sie über die Zeit für ein paar psychotherapeutische
Sitzungen durchaus verfügen."
Psychotherapeut Luchmann verweist auf das Erfordernis kognitiver
(gedanklicher) Veränderungen bei den Dentalphobikern: "Zur
erfolgreichen Überwindung von Ängsten ist es bei der Konfrontationstherapie
wichtig, die eigene Bewältigung der gemiedenen Situation grundsätzlich
bewusst zu erleben". In drei bis fünf Sitzungen seien durch kognitive
Psychotherapie Veränderungen im Denken der Patienten zu erreichen, die einen
nachhaltigen Angstabbau bewirken. "Aus lernpsychologischer
Sicht ist eine Narkose beim Zahnarzt als 'Konfrontationstherapie' so wenig
tauglich wie eine Narkose bei einem Tunnelphobiker, den man betäubt durch
den Tunnel fährt", ergänzt Luchmann. Die Angst vor dem Bohrer sei als
Angst eine psychische Störung wie jede andere und gehöre deshalb in die Hand
des Psychotherapeuten und nicht des Zahnarztes.
Nicht jeder, der bei dem Gedanken an den Zahnarzt Unbehagen verspürt,
braucht gleich einen Termin beim Angsttherapeuten. Patienten mit leichterer
oder mittelschwerer Angst sei in erster Linie zu raten, einen Zahnarzt des
Vertrauens zu finden, meint deshalb Zahnarzt Schneller von der Medizinischen
Hochschule Hannover. "Es ist dabei wichtig, die Angst von
Anfang an zuzugeben, damit der Arzt darauf eingehen kann." Dann könne
ein guter Zahnarzt schon mit einfachen Maßnahmen entscheidend helfen: Indem
er zum Beispiel den Behandlungstermin an das Ende seiner Sprechzeit legt, um
Zeitdruck zu vermeiden. Auch endloses Warten sollte dem Angstgeplagten
erspart werden. Am wichtigsten sei ein ausführliches Gespräch vor der
Behandlung, bei dem sich Arzt und Patient kennen lernen und ein
Vertrauensverhältnis aufbauen können.
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Adressen-Tipp |
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ABARIS® Institut für
Psychotherapie und Life Coaching
Zaackoer Weg 40
D-15926 Luckau
www.abaris.de - Online-Anmeldung für
die Angstambulanz, Coaching, kognitive Verhaltenstherapie,
Psychotherapie, Paartherapie u.v.m.
Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
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Ein feinfühliger und verständnisvoller Zahnarzt könne dazu beitragen, die
Angst gar nicht erst wachsen zu lassen. "Schließlich",
so ergänzt Luchmann, "waren die meisten Dentalängste mal
klein gewesen und sind erst dadurch gewachsen, dass der Zahnarztbesuch auf
jede erdenkliche Weise vermieden wurde." Hat man sich jedoch erst
einmal überwunden, dann rät Schneller zu regelmäßigen Zahnarztbesuchen: "Wer jedes Vierteljahr zur Routineuntersuchung geht, dem droht am
Ende keine böse Überraschung."
Wie jenen vielen hundert gesunden Patienten, die in der nordfranzösischen
Stadt Sarcelles Opfer eines besessenen Zahnarztes geworden sind. Wie "Dr. Mabuse" habe der Mediziner seinen ahnungslosen
Besuchern ohne Grund teilweise alle Zähne gezogen, berichtete die Zeitung "Le
Figaro" am 07.04.2000.
"Nur der Zahnarzt gewinnt bei jeder Ziehung", weiß
der Volksmund. Aus Geldgier und mit sadistischer Freude habe dieser Zahnarzt
jahrelang Backen-, Weisheits- und Schneidezähne entfernt und den Patienten
dann teure Gebisse eingepasst. Um an dem Betrug noch ein zweites Mal zu
verdienen, habe er die Zahnprothesen so locker angebracht, dass die
Patienten zu weiteren Behandlungen in die Praxis zurückkehren mussten - eine
besonders verwerfliche Abwandlung der Konfrontationstherapie. Inzwischen
sitze der "verrückte" Zahnarzt hinter Gitter,
berichtete die Zeitung weiter.
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