 |
© PSYCHOTHERAPIE 01.08.2000
Musiker und Sänger im Teufelskreis des Perfektionismus
Hi-Fi-Technik setzt Musiker unter Druck
Wenn Angst die Finger verkrampfen lässt, hilft nur rechtzeitig kognitive
Psychotherapie
VON GOTTLIEB SEELEN
Hochkarätige CD-Musik setzt
Musiker und Sänger nach Ansicht von Psychologen und Medizinern immer stärker
unter Druck. "Heute haben wir eine selbstmörderische
CD-Kultur mit Hang zum irrealen Perfektionismus", kritisierte der
Musikphysiologe Prof. Eckart Altenmüller in einem Gespräch am Rande des
Weltgesundheitskongresses "Medicine meets Millennium" in Hannover.
Der Mediziner leitete am 27.07.2000 den Themenbereich
"Kunst und Gesundheit" des Kongresses. Das Problem für die meisten Musiker
und Sänger sei der hohe Erwartungsdruck, ausgelöst auch durch die scheinbar
perfekte und oft nachbearbeitete Musik auf der CD.
Der Perfektionismus erzeuge Angst und diese wiederum sei ein Risikofaktor
für Bewegungsstörungen wie den Musikerkrampf, sagte der Direktor des
Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für
Musik und Theater in Hannover. Heute leide je nach Schätzung einer von 200
bis einer von 500 Profimusikern unter dieser Bewegungsstörung. Tendenz
steigend. Zunächst bekomme der Musiker das Gefühl, die Kontrolle über die
Finger oder bei Holz- und Blechbläsern über die Lippen zu verlieren. Die
Finger bewegen sich unwillkürlich. Oft beendet das Leiden eine
Musikerkarriere.
Besonders gefährdet seien Gitarristen und Klavierspieler, wie Altenmüller in
einer Studie mit 189 Erkrankten herausfand. Meist trete das Leiden schon vor
dem Alter von 40 Jahren auf. Ein erhöhtes Risiko haben Profimusiker
klassischer Orchester. Bei zehn Prozent bestand eine familiäre Veranlagung.
Die Heilungsaussichten seien gering. Bei 20 von 54 Musikern, die mit
Botulinum-Toxin behandelt wurden, zeigte jedoch sich eine Besserung. "Gymnastik hilft leider nicht."
Wird das Problem jedoch frühzeitig erkannt, könne eine gezielte kognitive
Psychotherapie in wenigen Stunden das Problem beheben, erklärte der
Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann und Leiter der Angstambulanz Stuttgart
des ABARIS Institutes für Psychotherapie: "Bei
Musikern und Sängern darf die durch den Erwartungsdruck erzeugte Angst nicht
zur Somatisierung gelangen. Wer nicht erst dann zum Psychotherapeuten kommt,
wenn er den Musiker- oder Sänger-Beruf aufgegeben hat, besitzt gute Chancen."
Das feine Zusammenspiel von Bewegungen bei Berufsmusikern ist das Ergebnis
intensiven Trainings über viele Jahre hinweg. "Wird dieses
Zusammenspiel durch länger dauernde angstbedingte Verkrampfungen nachhaltig
gestört, kann zwar das phobische Denken der Betroffenen noch verändert
werden, die gestörten Bewegungsabläufe sind dann oft jedoch schon so
verfestigt, dass Betroffene sie nicht mehr zu beheben vermögen",
beobachtet der Psychotherapeut.
Die Mehrzahl der betroffenen Musiker und Sänger stünden einer erfolgreichen
Behandlung selbst im Weg. Die Scheu, ihre ihnen selbst erst an den
körperlichen Symptomen erkennbare Problematik als psychisch - z.B. durch
Angst - verursacht anzuerkennen, lässt sie von Arzt zu Arzt wandern, womit
die Somatisierung sich mit der ärztlichen Fokussierung auf den Körper oft
verhärtet.
| |
| PSYCHOTHERAPIE
Adressen-Tipp |
|
ABARIS® Institut für
Psychotherapie und Life Coaching
Zaackoer Weg 40
D-15926 Luckau
www.abaris.de - Online-Anmeldung für
die Angstambulanz, Coaching, kognitive Verhaltenstherapie,
Psychotherapie, Paartherapie u.v.m.
Leitung:
Dietmar G. Luchmann,
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut.
|
|
|
|
Insbesondere bekannte Vertreter des Genres seien nach
Luchmanns Erfahrung in dieser Hinsicht doppelt gefährdet. Zum einen sei der
permanente Erfolgsdruck für sie noch stärker, zum anderen glaubten viele,
weder sich noch anderen psychische Probleme, eine unbewältigte Vergangenheit
oder gar "Denkfehler" eingestehen zu dürfen. Dabei
sei das viel einfacher als gemeinhin angenommen, erläutert Luchmann: "Wir begehen jeden Tag Denkfehler. Sie sind eine permanente
Quelle unseres Lernens, unserer Entwicklung. Sie können uns voran bringen,
erfahrener und vollkommener machen, wenn wir sie erkennen und überwinden.
Sie können uns aber auch behindern und zerstören, wenn wir uns weigern, sie
wahrzunehmen und zu korrigieren." Viele zerbrächen an der Fassade,
die um sie herum aufgebaut wird, und verlieren mit ihrer Authentizität das
Wertvollste - sich selbst.
Weder Luchmann noch Altenmüller raten deshalb davon ab, ein Instrument zu
lernen. "Vorbeugend ist das vielseitige, lustbetonte
Lernen mit wenig Angst vor Fehlern", meint der Mediziner. "Eltern sollten ihre Kinder unterstützen in der Kreativität."
Und Luchmann ergänzt: "Aktives Musikmachen unterstützt die
kognitive Entwicklung des Menschen. Wenn Eltern den kreativen, den
spielerischen Aspekt des Musikunterrichts ihrer Kinder richtig würdigen,
haben sie nicht den geringsten Anlass zum Bedauern, falls ihr Kind es nicht
zur Musikakademie schafft." Hauptsache, die Musik macht Spaß - und
klüger.
|