© PSYCHOTHERAPIE 02.04.2000
Wirklichkeit oder Wahnvorstellung? Gratwanderung der Wahrnehmung
Der "normale" Wahn des Alltags
Coca-Cola-"Vergiftungen" waren Massenpsychose - "Medi-Wahn"
macht Freude
VON GOTTLIEB SEELEN
Angst ist nicht nur ein schlechter
Ratgeber, Angst verstellt den Blick für die Realität. Die
angebliche Vergiftung mehrerer Dutzend belgischer Schüler durch
Coca-Cola-Getränke im vergangenen Jahr war lediglich eine
Massenpsychose. Das geht nach Medienangaben vom Samstag aus dem
jetzt in Brüssel vorgelegten offiziellen Bericht zu dem Vorfall
hervor.
Im Juni waren 38 Schüler wegen Übelkeit,
Kopfschmerzen und Fieber nach dem Genuss von Coca-Cola-Getränken
in Krankenhäuser gebracht worden.
Es sei zwar richtig, dass durch einen Produktionsfehler in einer
Coca-Cola-Fabrik bei Antwerpen die Getränke einen Schwefelgeruch
und -geschmack gehabt hätten. Es habe jedoch zu keinem Zeitpunkt
eine Gesundheitsgefährdung bestanden, hieß es weiter. Letztlich
hätten sich offenbar die verschiedenen Krisen wie Rinderwahnsinn
und Dioxinskandal sowie die Examenszeit auf die Psyche der
Schüler ausgewirkt.
In Folge der zunächst angenommenen Vergiftungen waren in den
Benelux-Staaten in einer bislang wohl einmaligen Aktion Produkte
des Coca-Cola-Konzerns aus den Regalen genommen worden - 80
Millionen Cola-Flaschen und -Dosen wurden vernichtet. In
Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Frankreich war der
Verkauf von Getränken der Firma verboten worden - die Länder
blieben eine Woche lang eine Cola-freie Zone. In Deutschland
stellten die Behörden ganze Paletten sicher und schickten ihre
Kontrolleure in die Produktionsanlagen des US-Multis. Unter dem
Eindruck des Skandals war die Coca-Cola-Aktie an der New Yorker
Börse gefallen.
Isy Pelc, Mitglied des belgischen Gesundheitsrates, gab
den Medien eine Hauptschuld an der "Massenpsychose".
Sie hätten die Anfang Juni 1999 bekannt gewordenen Ereignisse
dramatisiert ("Lebensmittel-Alarm") und
damit Angst unter der Bevölkerung verbreitet.
Solche Massenpsychosen sind keine Phänomene des
Medienzeitalters. Psychogene Erkrankungen, die ganze
Menschengruppen erfassen, gab es zu allen Zeiten. Die modernen
Medien vermögen nur, die Wirkungen und die Kosten solcher
Massenpsychosen zu multiplizieren.
Im "New England Journal of Medicine" vom 13.01.2000
berichtet Dr. Timothy F. Jones vom Tennessee Department of
Health und Epidemic Intelligence Service, Nashville, mit
Kollegen über eine Massenhysterie ("Mass
psychogenic illness") an einer High School in
McMinnville, Tennessee, im November 1998 (N.Engl.J.Med. Bd.342,
H.2, S.96-100): Eine Lehrerin nahm einen "gasähnlichen"
Geruch wahr und hatte bald danach Kopfschmerzen, Übelkeit,
Kurzatmigkeit und Schwindel. Darauf hin wurde die Schule
evakuiert und 80 Schüler und 19 Mitglieder des Kollegiums wurden
in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses gebracht. 38
davon wurden über Nacht aufgenommen. Als die Schule fünf Tage
später wieder geöffnet wurde, kamen erneut weitere 71 Menschen
in die Notaufnahme.
Eine ausgiebige Untersuchung des Geschehens durch verschiedene
Regierungsbehörden erbrachte keine Belege für eine tatsächliche
Vergiftung: "Wir konnten keine medizinische oder umweltbedingte
Erklärung für die berichteten Beschwerden finden", schreiben
Jones und Kollegen: "Es gab keinen Hinweis auf
toxische Substanzen in der Umgebung." Ein nach vier
Wochen ausgefüllter Fragebogen "zeigte, dass
die berichteten Symptome signifikant in Verbindung gebracht
wurden mit dem weiblichen Geschlecht, dem Sehen anderer kranker
Personen, dem Wissen, dass ein Klassenkamerad krank war, und dem
Bericht über einen ungewöhnlichen Geruch an der Schule".
Kaum vorstellbar, dass - beispielsweise - ein Hauch von zu wenig
weiblicher Hygiene zu diesen Folgen führte? Vor dem Hintergrund
der multimedial vermittelten Erfahrungen mit Seveso, Bhopal und
Tschernobyl keineswegs abwegig.
Auch das Pasteur-Institut, das die Coca-Cola-"Vergiftungen"
untersuchte, konnte "kein Gift entdecken"
und fand nur Ergebnisse, "die den Schluss nahe
legen, man habe es bei der Cola-Krankheit vornehmlich mit einer
Massenhysterie zu tun", wie die Wochenzeitung "Die
Zeit" (28/1999) berichtete: "Erstaunliches
Ergebnis der 112 befragten Schüler: Nur 53 Prozent hatten
wirklich Limonade getrunken. Den anderen war offenbar schon
schlecht geworden beim Gedanken daran."
Diese Ereignisse hatten "die Merkmale einer
psychogenen Massenerkrankung". Der Begriff "psychogene Erkrankung" und sein Vorläufer "Massenhysterie", erläutert Dr. Simon Wessely
von der Londoner St. Thomas' School of Medicine in einem
Editorial zu dem McMinnville-Bericht, mache das Problem sowohl
in der Bedeutung der Worte selbst als auch in ihrer
Interpretation deutlich: "Ein weniger
willkommener Aspekt der Freudianischen Tradition ist die
verbreitete Akzeptanz der Existenz von Symptomen, die - im
destruktiven Sinne - 'allein im Geist' existieren. Gleichwohl
sind psychogene Symptome physiologische Erfahrungen, die auf
identifizierbaren physiologischen Prozessen basieren, die
Schmerz und Leiden verursachen. Die Kinder an der McMinnville
High School erlebten genuine Symptome. Dass die Ursache dieser
Symptome wahrscheinlich eher die Angst vor einer toxischen
Exposition als irgendeine Exposition selbst war," folgert
Wessely, "enthebt sie nicht ihrer Realität."
Diese Episode psychogen oder hysterisch zu nennen, bedeute
allerdings, dass "für die Mehrheit der
Beobachter einschließlich der meisten Experten diese Symptome
indessen nur in der Einbildung vorhanden sind".
Glücklicherweise führen nur wenige Massenphänomene direkt in die
Notaufnahme. Die nicht selten erst durch die Medien ermöglichten
Massenbewegungen - vom Run auf den Aldi-PC bis zur euphorischen
Realitätsverkennung bei der Zeichnung neu emittierter Aktien -
besitzen keinesfalls regelmäßig psychotischen Charakter. Selbst
wenn sich der Gegenstand des begehrenden Massenwahns hinterher
als überaus gewöhnlich oder gar als Reinfall erweist. Sie sind
eher als Symptom einer zunehmend manipulierten Gesellschaft und
von ihrem Selbst entfremdeter Individuen zu werten.
Manche Massenphänomene zeichnen sich überdies
durch ihren besonderen Unterhaltungswert aus. Beispielsweise
jene ärztliche Bewegung der Furchtsamen, die in Panik vor der
Öffnung des Gesundheitswesens für mehr Wettbewerb in den "Medi-Verbund" flüchtete und nun - mutmaßlich
- auf dem Trockenen sitzt. "Wir haben mit
Freude Eure Internetseiten über MEDI [Medi-Verbund]
und den MEDIWAHN gelesen", schrieb ein
nord-württembergischer Kinderarzt an den Herausgeber und bewies
einmal mehr: Es kommt immer darauf an, wie man die Dinge
betrachtet. Die Grenze zwischen "normal"
und "verrückt" - oft ist sie nur einen
Hauch breit.
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