© PSYCHOTHERAPIE 06.01.1998
Psychologische Wissenschaft verhilft zu Wohlbefinden und
längerem Leben
Gesünder und glücklicher - durch Denken
Kognitive Therapie bei Depressionen, neurologischen und
chronischen Erkrankungen sowie zur Stress-Immunisierung
VON
DIETMAR G. LUCHMANN
Die verbreiteten Zivilisationsprobleme
Stress und Depression sind ein Ergebnis selbstschädigenden
Denkens und Verhaltens auf Anforderungen und Belastungen. Denken
und Verhalten ist jedoch lernbar. Somit kann adäquates Denken
und Verhalten, das auch bei belastenden Situationen und
Lebensereignissen eine gesunde Reaktion und bessere Bewältigung
ermöglich, im Rahmen einer kognitiven Therapie und
Stress-Immunisierung gelernt werden.
Daneben gibt es eine Vielzahl
neurologischer und chronischer Erkrankungen, die die
Lebensqualität und Lebenserwartung häufig sehr beeinträchtigen
können. Deren Anteil in der Bevölkerung ist zwar oft gering, die
aus der Erkrankung resultierenden Aufwendungen und Kosten für
die Betroffenen, die Angehörigen und die Gesellschaft sind
jedoch oft enorm. Hierzu zählen die Multiple Sklerose, an der
ca. 0,7 % aller Personen zumeist im besten Lebensalter
erkranken, und die Bipolar affektive Störung (manisch-depressive
Erkrankung), deren Morbiditätsrate 1 % beträgt.
Wie hilft kognitive Verhaltenstherapie bei neurologischen
und bei chronischen Erkrankungen?
Wenn eine schwere neurologische Erkrankung
wie Multiple Sklerose plötzlich die Lebensplanung umstößt, ist
das für viele Betroffene und deren Familien zunächst ein Schock.
Die Auseinandersetzung mit der Erkrankung und die Bewältigung
der mit dieser Diagnose verbundenen Anforderungen bereitet zudem
viel Stress, mit dem umzugehen kaum jemand der Betroffenen
gelernt hat. Andererseits ist Alltags-Stress "ein
wichtiger Faktor bei der physischen Bewältigung einer
chronischen Erkrankung", stellen Prof. Dr. Shelley E.
Taylor von der University of California, Los Angeles, und Prof.
Dr. Lisa G. Aspinwall von der University of Maryland, College
Park, fest und verweisen darauf, dass "Stress
einen gewichtigen Anteil am Fortschreiten der Erkrankung hat bei
Diabetes, Herzerkrankungen, Bluthochdruck und Multipler
Sklerose. Als Konsequenz werden zunehmend in die somatischen
Behandlungspläne Stress-Management-Programme für chronisch
Kranke einbezogen" (Taylor & Aspinwall 1993, S. 514).
Mit anderen Worten: Psychologische Faktoren bestimmen bei
neurologischen und chronischen Erkrankungen maßgeblich nicht nur
die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung.
So untersuchten beispielsweise Evelyn R. McDonald und deren
Kollegen von der Klinik für Psychiatrie und Verhaltensmedizin
der University of California, Los Angeles, die Überlebenszeit
von 144 Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer
chronisch fortschreitenden und zum Tode führenden Erkrankung des
Rückenmarks und des Hirnstammes. Hierbei beobachteten sie: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass Patienten mit ALS,
die ein gutes psychisches Befinden aufwiesen, ein geringeres
Sterbe-Risiko und eine längere Überlebenszeit hatten als solche
mit psychischem Stress" (McDonald u.a. 1994, S. 21).

Abb. 3. Überlebenskurven für drei
Gruppen von Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose, die sich
hinsichtlich ihres psychischen Befindens unterscheiden.
Abgebildet ist die Wahrscheinlichkeit des Überlebens (1.0
entspricht 100 %) während einer 1.200-Tages-Periode für die
Gruppe von 34 Patienten mit einem hohen Wert psychischen
Wohlbefindens sowie 71 mit einem mittleren und 34 mit einem
niedrigen Wert (aus
McDonald u.a. 1994, S. 22).
Multiple Sklerose und Psychotherapie - mehr als nur
Krankheitsbewältigung
Obwohl der Einfluss von Stress bei der
Pathogenese der Multiplen Sklerose (MS) oder Encephalomyelitis
Disseminata (ED) noch nicht vollständig aufgeklärt ist, so ist
dennoch "klar, dass die Erkrankung zu
einschneidenden Lebensveränderungen führt und mit einem erhöhten
Risiko für Depression und schädigendem psychischen Stress
einhergeht", stellen Prof. Dr. Frederick W. Foley vom
Albert Einstein College of Medicine der Yeshiva University, New
York, und seine Kollegen vom Multiple Sclerosis Comprehensive
Care Center, New York, fest (Foley u.a. 1993, S. 63). Weiter
beobachteten sie in einer MS-Studie, "dass
signifikant schädigender psychischer Streß mit Veränderungen in
den peripheren T-Zellen-Subsets verbunden sein kann, die auf
eine Immunaktivität hinweisen" (S. 59). In bezug auf "die Rolle, die stressbeeinflusste Systeme des
zentralen Nervensystems (z.B. das sympathische Nervensystem, das
neuroendokrine System etc.) bei der Modulierung der
Immunpathologie der Erkrankung spielen", vertreten
Foley u.a. 1993
(S. 63) die Überzeugung, dass man "künftighin
möglicherweise zu konstatieren haben wird, dass MS-Patienten,
die eine größere Fehlfunktion des neuroendokrinen Systems oder
des sympathischen Nervensystems aufweisen, ein größeres Risiko
für ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung bei
Stresseinwirkung haben als andere" (S. 63). Hieraus
leiten sich die Zweckmäßigkeit und Wirksamkeit auch allgemein
stressmindernder Verfahren wie der Hypnose ab (siehe ABARIS
Vorlesung 5: Hypnose).
Psychotherapie und Naturheilverfahren bei MS zielen vor dem
Hintergrund dieser engen Verknüpfung von Psyche und Körper somit
nicht nur auf eine Krankheitsbewältigung schlechthin, sondern
vielmehr auch auf die Besserung bzw. das Aufhalten des
Krankheitsprozesses oder zumindest die Minderung bzw.
Verlangsamung eines weiteren Fortschreitens der Erkrankung.
Aufgrund der beträchtlichen Verknüpfung von neurologischen,
psychiatrischen und psychosozialen Erfordernissen bei MS wird
das Stress-Management-Training des ABARIS Institutes als Teil
einer übergreifenden Versorgung durch ein interdisziplinäres
Team nach dem Muster amerikanischer "Umbrella organizations"
verstanden, in denen neben einem gut informierten und aktiven
MS-Patienten, seiner oder ihrer Familie, der Arzt (im Falle der
MS üblicherweise ein Neurologe), Psychologen, Neuropsychologen,
Physio- und Sprachtherapeuten u.a. zusammenwirken. "Dieses interdisziplinäre Team", so skizzieren
Dr. June Halper vom Bernard W. Gimbel Multiple Sclerosis
Comprehensive Care Center at Holy Name Hospital, New Jersey, und
Dr. Jack S. Burks vom Rocky Montain Multiple Sclerosis Center,
Colorado, den derzeit besten Versorgungsstandard, "untersucht jeden Patienten individuell und
entwickelt einen Behandlungsplan, der die individuelle
Leistungsfähigkeit widerspiegelt... Dieser Behandlungsplan
reicht über die Grenzen der Behandlungszentren oder Kliniken
hinaus - bis hinein in die Wohnung, an den Arbeitsplatz und das
soziale Umfeld des Patienten, um den Betroffenen zu befähigen,
so unabhängig wie möglich zu bleiben bei einem Maximum an
Lebensqualität" (Halper
& Burks 1994, S. 71).
Das Psychotherapieangebot für MS-Patienten bezieht am ABARIS
Institut die besten internationalen Erfahrungen ein. "Das
Stress-Management-Training, das in einer MS-Population angewandt
wird", so Foley u.a.
(S. 63), "ist abgeleitet von einem
breitgefächerten kognitiv-behavioralen psychotherapeutischen
Behandlungsansatz". Das MS-spezifische Vorgehen gliedert
sich in der Regel in drei Behandlungsabschnitte. Im ersten Teil
des Stress-Management-Trainings (SMT) erfolgt eine Vermittlung
des SMT-Modells sowie die Unterweisung in der erforderlichen
Selbstbeurteilung, die die Grundlage für das nachfolgende
Training von verbesserten Bewältigungstechniken ist. Im zweiten
Teil werden die vorliegenden Fähigkeiten identifiziert, die noch
nicht maximal genutzt werden, und den Betroffenen neue
Stress-Bewältigungsfähigkeiten aktiv vermittelt. Im dritten Teil
steht die Anwendung der neu erworbenen Fähigkeiten und die
Ermutigung zu deren Transfer in den Alltag im Vordergrund. In
Stress-Management-Sitzungen werden diese Fähigkeiten weiter
vervollkommnet.
Foley u.a.
weisen darauf hin, "dass sechs
1,5-Stunden-Streß-Management- Sitzungen signifikant Depression
und Angst reduzierten und die problemzentrierten
Bewältigungsstrategien verbesserten" (S. 64). Die
therapeutische Orientierung auf den Erwerb von
Bewältigungsflexibilität (coping flexibility) bereitet die
Betroffenen noch besser auf die sich immerfort ändernden
Erfordernisse des Lebens mit einer unkalkulierbaren und sehr
beeinträchtigenden Erkrankung wie MS vor.
Manisch-Depressive Erkrankungen (bipolar-affektive
Störungen) und wirksame kognitiv-behaviorale Rückfallprävention
Manische und depressive Phasen treten bei
Betroffenen oft in regelhaften Zyklen einzeln (unipolar) oder im
Wechsel zwischen Manie und Depression (bipolar) auf. Die bipolar
oder manisch Erkrankten sind häufig kreative und dynamische
Personen, die sich in ihrer Manie als (anfänglich) sehr
leistungsfähig, produktiv und erfolgreich erleben. Die
überschießenden und unkontrollierbar werdenden Aktivitäten
können jedoch unbehandelt zu dramatischen Gefährdungen für die
erkrankte Person und andere führen. Prof. Dr. med. Kay R.
Jamison, Psychiatrie-Professorin an der berühmten Johns Hopkins
University School of Medicine und Co-Autorin des anerkannten
medizinischen Standardhandbuches über diese Erkrankung, schrieb
1993, aufgrund der überragenden Fortschritte in der neueren
Forschung habe sich "ein Großteil des modernen
psychiatrischen Denkens von den früheren Einflüssen der
Psychoanalyse freigemacht und zu einer mehr biologischen
Perspektive bewegt" (S. 3). In der Tat sind die bipolaren
und manischen Störungen durch Medikamente (z.B. Lithium) relativ
gut zu behandeln. Allerdings sind die Nebenwirkungen häufig
beträchtlich, so dass "Psychotherapie ein
wichtiger Teil der Behandlung der manisch-depressiven Erkrankung
ist" (Jamison
1993, S. 246f.).
Während eine alleinige psychotherapeutische Behandlung bei
diesen Störungen die Ausnahme ist (z.B. bei
Medikamentenunverträglichkeit), "häufen sich
die Belege, die zeigen, dass Psychotherapie in Verbindung mit
einer Medikation das Rückfall-Risiko mindern kann",
betont Jamison.
Insbesondere, so fährt die Professorin für Psychiatrie fort, "besteht eines der ultimativen Ziele der Anwendung
von Psychotherapie bei manisch-depressiven Patienten darin,
niedrigere Lithium-Dosen zu ermöglichen, wodurch die kognitiven,
stimmungsmäßigen und anderen Nebenwirkungen der Medikamente
minimiert werden" (S. 247).
Die kognitive Verhaltenstherapie bietet hierbei nicht nur den
Vorteil, medikationsspezifische Probleme psychotherapeutisch zu
behandeln, sondern sie hat mit Hinblick auf eine Prävention den
Vorzug, "den an einer bipolaren affektiven
Störung erkrankten Patienten durch kognitive Umstrukturierung
und Modifizierung seines Selbst-Schemas und Erarbeitung eines
individuellen Selbst-Kontroll-Inventars zu befähigen, künftigen
krankheitswertigen Stimmungsschwankungen im Sinne einer
Rückfallprophylaxe mit hinreichender Sensibilität durch
Selbst-Monitoring frühzeitig und adäquat begegnen zu können",
wie Luchmann 1994b
(S. 167) zeigt. Insgesamt, so definieren auch Prof. Dr. Joseph
R. Scotti von der West Virginia University und seine Kollegen (Scotti 1993, S.
547) den Stand psychotherapeutischer Möglichkeiten derart, dass
"die chronischen psychiatrischen Erkrankungen
weder ‘zu schwer für Verhaltenstherapie’ sind noch dass
irgendeine ‘biologische Basis’ für diese Erkrankungen den
Einsatz von Verhaltenstherapie als die primäre oder sekundäre
Behandlungsoption ausschließen sollte."
Kognitive Therapie kann somit bei chronischen Erkrankungen eine
Medikation mit all deren Nebenwirkungen deutlich reduzieren oder
ersetzen und langfristig erneute Erkrankungen verhindern bzw.
fortbestehende Erkrankungen und die dadurch verursachte
Arbeitsunfähigkeit verringern.
Dies gilt im übrigen noch mehr für leichte und mittlere
depressive Störungen, bei denen die Anwendung kognitiver
Therapie mindestens so wirksam, aber deutlich rückfallsicherer
ist als der Einsatz einer antidepressiven Medikation, weil "die ausgezeichnete Wirksamkeit der kognitiven
Therapie auch längerfristig gilt" (Grawe u.a. 1994,
S. 461).
Selbst-Management-Training bei anderen chronischen
Erkrankungen und chronischem Schmerzsyndrom
Auch bei anderen chronischen Erkrankungen
wie z.B. dem chronischen Schmerzensyndrom, die insgesamt zur
dominierenden Erkrankungsform und zur Hauptursache von Arbeits-
und Erwerbsunfähigkeit geworden sind, hat sich psychologische
Therapie außerordentlich bewährt. Die den Klienten mit
chronischen Schmerzen häufig angebotetenen Entspannungsverfahren
(Autogenes Training, Relaxation nach Jacobson, Biofeedback) sind
für sich allein genommen in der Regel jedoch nicht ausreichend
für eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität und
Arbeitsfreude. "Die Funktionsverbesserungen
trotz eines gewissen biologischen Fortschreitens der Erkrankung
belegen, dass Funktionsbeschränkungen mehr durch
Selbstüberzeugungen bezüglich eigener Fähigkeiten als durch das
Ausmaß aktueller körperlicher Beeinträchtigung bestimmt werden",
betont deshalb Prof. Dr. A. Bandura von der Stanford University
(Bandura 1992,
S. 25). Auch Prof. Dr. D.C. Turk, renommierter Professor für
Psychiatrie und Anästhesiologie an der University of Pittsburgh
Medical School stellt die Vorzüge der kognitiven Therapie heraus
und hebt ihre Erfolge hervor: "Das
kognitiv-behaviorale Konzept berücksichtigt die dynamische
Interaktion der jeweiligen körperlichen, kognitiven, affektiven
und Verhaltensfaktoren" (S. 48). So sei inzwischen
nachgewiesen worden, dass "kognitive Faktoren
einen direkten Einfluss auf biochemische Faktoren bei
Schmerzstörungen haben" (Turk 1994, S. 47). Die Langzeit-Erfolge
hierbei sind beachtlich. Bei den zunehmenden Funktionsstörungen
wie Migräne und chronischem Kopfschmerz zeigte sich, dass bei "der Hälfte bis zwei Drittel der Patienten, die
psychologisch erfolgreich behandelt worden sind, die
Therapieeffekte auch 1 - 5 Jahre später noch anhielten"
beobachteten Prof. Dr. P.J. McGrath von der Dalhousie
University, Halifax, und Prof. Dr. M.J. Sorbi von der Utrecht
University in den Niederlanden (McGrath & Sorbi 1993, S.291).
Die sehr gute Wirkung kognitiv-behavioraler Therapie lässt sich
durch die Einbeziehung weiterer Behandlungstechniken noch
steigern. Insbesondere naturgemäße Heilverfahren wie Akupunktur,
Hypnose und Neuraltherapie haben sich bewährt. Studien belegen
deshalb immer wieder: "Am erfolgreichsten ist
die sogenannte ‘mehrschichtige’ Therapie, d.h. hier werden
mehrere, sich ergänzende Methoden zur Linderung eines Schmerzes
angewendet", wie die Deutsche Schmerzliga e.V.
feststellt, deren Ziel es ist, durch Öffentlichkeitsarbeit und
Information Verständnis für die Schmerzkrankheit, für
Schmerzpatienten und für die verschiedenen Methoden der
Schmerztherapie zu wecken. Das ABARIS Institut für
Psychotherapie unterstützt mit seinem breiten Behandlungsangebot
von Akupunktur bis kognitiver Psychotherapie in der
Schmerztherapie diese Ziele.
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