PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 07.05.2002

Leserbriefe

PSYCHOTHERAPIE Forum
Vom Hausarzt in die Psychiatrie: "Ich wollte nur noch schreien"

Seit vielen Jahren bossele ich an meinen Angstzuständen, die sich immer um alle Gelegenheiten herum ranken, in denen ich "allein" bin, ehrlicher: sein könnte. Dies ist immer mit der Frage verbunden "Was werde ich dann tun?".

Irgendwie war mein Problem nicht "lebensbedrohlich", doch es zwang mich immer wieder zum Einholen von Hilfe. Ich habe viele Psychotherapeuten erlebt (durch Ortswechsel bedingt), zu einem Ergebnis kam ich nie. Ich lernte neue und bessere Mechanismen kennen, konnte immer besser verdrängen - die Angst blieb immer latent im Hintergrund. Dann habe ich mich in der Arbeit verheizt, konnte nie NEIN sagen, zerfetzte mich für andere, wenn ich von ihren Anliegen überzeugt war.

Dann ging es mir wie dem Herrn in Ihrem Beispiel: Anfang des Jahres wurde ich krank (Erkältung), war eine Woche mit mir "allein zu Haus". Unruhe, Zittern, etc. - es lief die ganze Palette. Der Hausarzt verschrieb mir Paroxan - es wurde immer schlimmer. Nun bin ich seit Wochen in der Psychiatrischen Tagesklinik, hadere mit mir (Versagen etc.), fühle mich gleichgeschaltet. Für die Psychologin schrieb ich auf: "... Ich habe keine 'eigene Rolle', kein echtes eigenes ICH". Mir fällt auf, dass meine Wertungen, Empfindungen verrutschen: Schmerz war bisher alarmierende Komponente. Jetzt driftet die Bedeutung woanders hin: Ich übernehme Vorstellungen der Borderliner - Schmerz lenkt ab. Ich wehre mich zwar dagegen, anerkenne aber Symbolik. Totale innere Panik: Über die Frage, welche Rolle ich spiele und die Erkenntnis, dass ich mich immer mehr mit "Anderem" ausfülle.

Zur Zeit totale Prägung durch Erlebnisse und Sichtungen in Tagesklinik! In der Endkonsequenz bedeutet dies für mich: Je länger ich mich dort aufhalte und mich mit dem dort Gesichteten und Erlebtem und Gefühltem auflade, gar identifiziere, bemerke ich: Ich werde verrückt! So habe ich mir das aber wahrlich nicht vorgestellt!!! Durch die Nebenwirkungen von Psychopharmaka bin ich dort gelandet, durch Aufgenommenes werde ich dort integriert - das ist wirklicher Horror!

Ich ertappe mich immer häufiger bei Verhaltensweisen, die den Meisten in der Tagesklinik eigen sind: Gangart, Hochziehen der Nase, etc., ich übernehme es.

Als ich auf der Suche nach einem Begriff, den die Psychologin nannte, mich im Internet bewegte, stieß ich auf diese, Ihre Seiten. Die Ehrlichkeit, mit der Sie über die Wirklichkeit berichten, hat mich "abgeschossen", ich wollte nur noch schreien! Zum ersten Mal fühlte ich mich irgendwie angenommen, ja - gestatten Sie mir den Ausdruck - NORMAL!

Ich danke Ihnen von Herzen für diese Sicht, die ich nun gewinnen durfte. Ich habe vieles ausgedruckt, werde es in den nächsten Tagen lesen und versuchen, zu verinnerlichen. Ja, ich weiß, dass es nicht Schlimmeres gibt als kundige Patienten - aber Ihre Artikel haben mir gezeigt, dass ich keineswegs "verrückt" bin. Dies ist für mich eine sehr wesentliche Ableitung, die mir auch viel Mut und Willen zum Weitermachen gibt.

Mit freundlichen Grüßen und irgendwie einer riesigen Erleichterung.

Reinhold Peters*, Leitender Angestellter
07.05.2002

Antwort der Redaktion:
Wir freuen uns, dass wir Ihnen helfen konnten, das "System" und Ihre Rolle als Objekt wirtschaftlicher Verwertung zu verstehen. Sie haben ihn erlebt - den ganz normalen Wahnsinn im deutschen Gesundheitswesen. Richtig erkennen Sie, wen das "System" nicht will: den aufgeklärten Patienten. Viel Erfolg auf dem Weg zu sich selbst.

*Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

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