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© PSYCHOTHERAPIE 07.05.2002
Leserbriefe
PSYCHOTHERAPIE Forum
Vom Hausarzt in die Psychiatrie: "Ich wollte nur noch
schreien"
Seit vielen Jahren bossele ich an meinen
Angstzuständen, die sich immer um alle Gelegenheiten herum
ranken, in denen ich "allein" bin, ehrlicher: sein könnte. Dies
ist immer mit der Frage verbunden "Was werde ich dann tun?".
Irgendwie war mein Problem nicht "lebensbedrohlich", doch es
zwang mich immer wieder zum Einholen von Hilfe. Ich habe viele
Psychotherapeuten erlebt (durch Ortswechsel bedingt), zu einem
Ergebnis kam ich nie. Ich lernte neue und bessere Mechanismen
kennen, konnte immer besser verdrängen - die Angst blieb immer
latent im Hintergrund. Dann habe ich mich in der Arbeit
verheizt, konnte nie NEIN sagen, zerfetzte mich für andere, wenn
ich von ihren Anliegen überzeugt war.
Dann ging es mir wie dem Herrn in Ihrem Beispiel: Anfang des
Jahres wurde ich krank (Erkältung), war eine Woche mit mir
"allein zu Haus". Unruhe, Zittern, etc. - es lief die ganze
Palette. Der Hausarzt verschrieb mir Paroxan - es wurde immer
schlimmer. Nun bin ich seit Wochen in der Psychiatrischen
Tagesklinik, hadere mit mir (Versagen etc.), fühle mich
gleichgeschaltet. Für die Psychologin schrieb ich auf: "... Ich
habe keine 'eigene Rolle', kein echtes eigenes ICH". Mir fällt
auf, dass meine Wertungen, Empfindungen verrutschen: Schmerz war
bisher alarmierende Komponente. Jetzt driftet die Bedeutung
woanders hin: Ich übernehme Vorstellungen der Borderliner -
Schmerz lenkt ab. Ich wehre mich zwar dagegen, anerkenne aber
Symbolik. Totale innere Panik: Über die Frage, welche Rolle ich
spiele und die Erkenntnis, dass ich mich immer mehr mit
"Anderem" ausfülle.
Zur Zeit totale Prägung durch Erlebnisse und Sichtungen in
Tagesklinik! In der Endkonsequenz bedeutet dies für mich: Je
länger ich mich dort aufhalte und mich mit dem dort Gesichteten
und Erlebtem und Gefühltem auflade, gar identifiziere, bemerke
ich: Ich werde verrückt! So habe ich mir das aber wahrlich nicht
vorgestellt!!! Durch die Nebenwirkungen von Psychopharmaka bin
ich dort gelandet, durch Aufgenommenes werde ich dort integriert
- das ist wirklicher Horror!
Ich ertappe mich immer häufiger bei Verhaltensweisen, die den
Meisten in der Tagesklinik eigen sind: Gangart, Hochziehen der
Nase, etc., ich übernehme es.
Als ich auf der Suche nach einem Begriff, den die Psychologin
nannte, mich im Internet bewegte, stieß ich auf diese, Ihre
Seiten. Die Ehrlichkeit, mit der Sie über die Wirklichkeit
berichten, hat mich "abgeschossen", ich wollte nur noch
schreien! Zum ersten Mal fühlte ich mich irgendwie angenommen,
ja - gestatten Sie mir den Ausdruck - NORMAL!
Ich danke Ihnen von Herzen für diese Sicht, die ich nun gewinnen
durfte. Ich habe vieles ausgedruckt, werde es in den nächsten
Tagen lesen und versuchen, zu verinnerlichen. Ja, ich weiß, dass
es nicht Schlimmeres gibt als kundige Patienten - aber Ihre
Artikel haben mir gezeigt, dass ich keineswegs "verrückt" bin.
Dies ist für mich eine sehr wesentliche Ableitung, die mir auch
viel Mut und Willen zum Weitermachen gibt.
Mit freundlichen Grüßen und irgendwie einer riesigen
Erleichterung.
Reinhold Peters*, Leitender Angestellter
07.05.2002
Antwort der Redaktion:
Wir freuen uns, dass wir Ihnen helfen konnten, das "System" und
Ihre Rolle als Objekt wirtschaftlicher Verwertung zu verstehen.
Sie haben ihn erlebt - den ganz normalen Wahnsinn im deutschen
Gesundheitswesen. Richtig erkennen Sie, wen das "System" nicht
will: den aufgeklärten Patienten. Viel Erfolg auf dem Weg zu
sich selbst.
*Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.
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