© PSYCHOTHERAPIE 26.05.2001
Leserbriefe
PSYCHOTHERAPIE Forum
Die Inkompetenz (mancher) Ärzte und Psychotherapeuten
Nachdem ich nun einiges auf Ihrer Website
über sexuelle Misshandlungen etc. von Psychotherapeuten und
Psychologen gelesen habe, würde ich gerne selbst etwas dazu
sagen:
Ich bin noch relativ jung (18 Jahre), habe jedoch schon eine ca.
vierjährige Depression hinter mir und eine einjährige
Psychotherapie. Ich suchte einige Psychotherapeuten auf, bei
denen mir u.a. auffiel, dass viele ein sogenanntes
"Schubladen-Denken" besitzen und eigentlich nicht viel Ahnung
haben. Dies ist ein GROSSER störender Punkt - meiner Meinung
nach. Die Leute gehen nach ihrem Abitur das Studium an, verfügen
aufgrund großer Disziplin über einen Notendurchschnitt von 1,0
und deshalb stehen ihnen aufgrund des Numerus Clausus alle Wege
offen. Ich finde das fatal. Ich denke, es ist wichtig zu prüfen,
ob die angehenden Stundenten geeignet sind für diesen Beruf.
Aber dies tut keiner!!
Psychotherapie und Psychologie ist kein Gebiet für Schubladen.
So vieles ist individuell, dass es einfach nur falsch sein kann,
in Schubladen zu denken. Ich habe mit meinem letztendlichen
Therapeuten gute Erfahrungen gemacht. ABER leider waren meine
Erfahrungen mit anderen gleich zu Beginn schockierend. Ein gutes
Beispiel ist meine Psychologie-Lehrerin (Grundkurs). Sie hat
Psychologie studiert, kann aber nur das wiedergeben, was in
Lehrbüchern steht (oder in "Psychologie", dem Buch von
Zimbardo). Sobald ich in Klausuren auch nur andere Theorien
anbringe (wie z.B. von Erich Fromm) wird es mir angestrichen -
als hätte ich gerade ein Märchen erzählt. Ich will jetzt nicht
ausschweifen; ich wollte eigentlich nur zum Ausdruck bringen,
wie enttäuscht ich von den Aufnahmebedingungen zum Studium der
Psychologie und Medizin bin. Ich finde, der Beruf des
Psychotherapeuten sollte nur von intelligenten, auch besonders
emotional intelligenten Menschen angegangen werden. Die Realität
ist aber LEIDER anders.
Gudrun Reuters*
26.05.2001
Antwort des Herausgebers:
Die Realität hat ein kundiger Kommentator der "Ärzte-Zeitung" am
25.05.2001 (S.2) geschildert: "Schuld an diesem Herdentrieb der
jungen Ärzte ist ihre Ausbildung. Das Medizinstudium ist
dermaßen verschult, daß nur wenig Freiraum für die eigene
Entwicklung bleibt... Die berufliche Zukunft liegt in weiter
Ferne. Nach dem dritten Staatsexamen verhalten sich die Ärzte
dann so, wie sie es im Studium gelernt haben: Sie folgen der
Herde... Und da dieser Trieb vorrangig ist, wird dafür alles in
Kauf genommen."
Wenn Sie also auf Ärzte und Psychotherapeuten treffen, die ihr
Denkvermögen ausgeschalten haben, dann üben Sie Nachsicht mit
den armen Opfern eines Ausbildungssystems, das Ärzte und
Psychologen gelehrt hat, das Denken einem Leithammel zu
überlassen - auch wenn der geradewegs in den Abgrund marschiert.
Wer jedoch sucht, der findet gelegentlich auch gute Ärzte und
Psychotherapeuten. Zu beklagen, dass dies nur eine Minderheit
sei, ist wenig hilfreich. Versuchen Sie selbst, Eigenständigkeit
im Denken und Unabhängigkeit im Handeln zu erwerben und zu
bewahren. Sie werden bemerken, dass dies ganz schön anstrengend
sein kann.
Dietmar G. Luchmann
*Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.
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