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© PSYCHOTHERAPIE 15.02.2002"Positives Denken" schafft
ein Zerrbild der Realität, gefährdet die Karriere, zerstört Beziehungen - und macht krank
Zu positiv gedacht, pleite gemacht
Positives Denken: Motivationstrainer schüren Sucht nach Höhenflügen - als Selbstbetrug auf direktem Weg zu Depression
und Burnout
VON
DIETMAR G. LUCHMANN

Buchbesprechung
Günter Scheich: Positives Denken macht krank. Frankfurt: Eichborn-Verlag, 2001. 234
S.
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Als "Positives Denken" wird jener bizzare Irrweg in der
Entwicklungsgeschichte des heutigen modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) bezeichnet, in dem Mensch
gewordene Affen bei der Wahrnehmung ihrer selbst in schlimmer Realitätsverkennung in den Spiegel
brüllen: "Ich bin der größte. Ich kann alles. Ich bin ein Adler." Und wie Ikarus - abstürzen. Der, so
die griechische Sage, wurde bei seinem Flug von der Insel Kreta übermütig und stieg zu hoch. Mit
seinen selbst geschaffenen Flügeln aus Federn und Wachs kam er der sengenden Sonne der Wirklichkeit zu
nahe, das Wachs schmolz und die Flügel zerfielen.
Mit seiner eitlen und illusionären Selbstüberschätzung foppte der Mensch sich bereits, bevor die
Entwicklung ihn als Krone der Torheit die Fähigkeit zur atomaren und ökologischen Selbstzerstörung
herausbilden ließ. In dem Gedicht "Homo sapiens" karikierte der Wiener
Feuilletonredakteur Christian Friedrich Hebbel (1813-1863) den lebensgefährlichen Mangel des modernen
Menschen an Weisheit:
"Welch ein Narr ist der Mensch! In allem muss er sich spiegeln!
Selbst in Sonne und Mond hat er sein Antlitz entdeckt."
Waren es einst Schamanen und Stammeshäuptlinge, die sich die Fähigkeit ihrer Artgenossen zur
Selbsttäuschung bei der Führung ihrer Sippe zunutze machten, so hat die postmoderne
Industriegesellschaft die Perfektionierung von Täuschung und Selbsttäuschung zur schieren Grundlage ihres
Funktionierens gemacht. Um ihren Anhängern die permanente Grenzüberschreitung in
körperlicher und psychischer Hinsicht schmackhaft zu machen, hat sie die perverse
Erscheinung des Motivationstrainers hervorgebracht.
Diese Dompteure der Selbstausbeutung fördern für beachtliche Gagen eine illusionäre
Verkennung der Realität, die nicht nur die Gesundheit ruiniert, sondern letztlich
Beziehungen und Karriere zerstört. Entsprechend dem herausragenden Stellenwert, den die Entwicklung der Arbeit in
der Menschheitsgeschichte einnimmt, lässt sich am zunehmend psychisch und körperlich
krankmachenden Zustand der Arbeitswelt verfolgen, wie deren motivationaler Overkill geradlinig in
Angstzustände, Burnout, Depressionen, Frühverrentung und Arbeitslosigkeit führt.
Das einzig Positive an dem so genannten "Positiven Denken" ist, dass es seine
Prediger reich macht - so könnte man meinen. Diejenigen freilich, die zu den Seminaren der
selbsternannten Psycho-Gurus und Motivationstrainer pilgern und deren Produkte konsumieren, macht jene
Art des positiven Denkens, die die Realität schlicht auf den Kopf stellt, langfristig krank statt
glücklich. Das ist die Kernaussage des 1956 geborenen Diplom-Psychologen Günter Scheich in seinem Buch
über den "Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen".
Weiter im
Teil 2 über den Wahnsinn "Positives Denken".
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