© PSYCHOTHERAPIE 13.07.2000
Gesundheit und Volkswirtschaft: Angst- und Panikstörungen
"Gipfel der Verschwendung"
Angst kostet der deutschen Volkswirtschaft über 100 Milliarden
DM jährlich
VON
DIETMAR G. LUCHMANN

Buchbesprechung
Winfried Panse & Wolfgang Stegmann:
Kostenfaktor Angst. Wie Ängste in Unternehmen entstehen.
Landsberg: Verlag Moderne Industrie, 1998. 285 S.
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Das Buch - in dritter Auflage - schildert
einen Zustand, den jeder kennt und vor dem gleichwohl fast jeder
- mit teuren Folgen - die Augen verschließt. Denn fast jeder
Beschäftigte leidet am Arbeitsplatz unter Ängsten. Bis zu 90
Prozent der Mitarbeiter, quer durch alle Hierarchie-Ebenen, sind
davon betroffen, offenbarte eine Langzeitstudie an der
Fachhochschule Köln.
Den gigantischen volkswirtschaftlichen Schaden schätzen
Arbeitspsychologen auf jährlich mehr als 100 Milliarden Mark.
Besonders die Angst vor Autoritätsverlust, Innovationen und
Fehlinformationen ist in den vergangenen vier Jahren deutlich
gestiegen.
Die Angst gehört demnach umso häufiger zum Arbeitsalltag, je
mehr sich das Unternehmen in turbulentem Fahrwasser befindet und
Umstrukturierungsmaßnahmen oder sogar der Verkauf der Firma
drohen. Aber auch Frustrationen oder die Forderung nach mehr
Leistung seien Angstfaktoren. Gesprochen werde darüber jedoch
selten. Stattdessen werde vor allem in Managerkreisen zu
Alkohol, Schlaf- oder Beruhigungstabletten gegriffen.
Winfried Panse, Diplom-Kaufmann, Soziologe sowie Inhaber des
Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre und Personalwesen an der
FH Köln, und Wolfgang Stegmann, Diplom-Betriebswirt und
Lehrbeauftragter, haben in ihrer Studie "Kostenfaktor Angst" in
sehr lesbarer und verständlicher Form, frei von
wissenschaftlicher Überfrachtung, eine erschütternde Rechnung
der durch Angst verursachten jährlichen Kosten aufgemacht: 16
Milliarden DM Fluktuationskosten, 68 Milliarden DM durch innere
Kündigung, 19 Milliarden DM durch angstbedingten
Medikamentenkonsum, 48 Milliarden DM durch angstbedingten
Alkoholkonsum, 30 Milliarden DM durch Mobbing-Prozesse, 18
Milliarden DM durch angstverursachte Fehlzeiten.
"Auch wenn man bei diesen Schätzungen und
Berechnungen", so Panse und Stegmann, "Schnittmengen
berücksichtigen muß, so ist es realistisch, daß durch Ängste
allein der deutschen Wirtschaft jährlich ein Schaden von über
100 Milliarden DM entsteht."
"Dieser Milliardenschaden kann aber nur
gemindert werden, wenn die Angst und nicht die unter Ängsten
leidenden Mitarbeiter bekämpft werden. Das richtige Instrument
für diesen kostensenkenden Kampf sehen wir in einem
betrieblichen Angstmanagement. Für uns", so fassen Panse
und Stegmann ihre Erkenntnisse in der Studie zusammen, "ist Angstmanagement kein sozialromantischer Prozeß,
sondern ein Gebot betrieblicher Ökonomie" (S.175f).
Die Autoren illustrieren, wie Ängste in Unternehmen entstehen
und warum Ängste die Leistung beeinflussen. Wie Ängste in der
Wirtschaft hingegen wirksam bekämpft werden können, wird eher
angedeutet.
Psychotherapeuten empfehlen den Verantwortlichen in der
Wirtschaft schon seit langem, bei der Kostensenkung mehr
Aufmerksamkeit auf die "weichen Faktoren" zu richten. Wenn man
bedenkt, dass Menschen mit Angst- und Panikstörungen im
Durchschnitt erst nach acht bis zehn Jahren einen geeigneten
Angsttherapeuten aufsuchen und trotzdem durchschnittlich
innerhalb von weniger als 15 Behandlungsstunden ihre Angst zu
überwinden lernen können (wie der Rezensent von der Statistik
seiner Angstambulanz weiß), so ist nur zu erahnen, welche Kosten
durch eine frühzeitige, effiziente Behandlung gespart werden
könnten. Den Kostenfaktor Angst nicht zu erkennen bedeutet, auf
dem Gipfel der Verschwendung zu stehen.
Panse und Stegmann verweisen allerdings auf die in Deutschland
bestehenden Schwierigkeiten mit der Akzeptanz von Angst als
psychisches Problem. "Magengeschwüre,
Herzinfarkt und auch Krebs sind Krankheiten, die akzeptiert
werden und bei denen man den Betroffenen mit Mitgefühl begegnet",
schreiben die Autoren. "Anders ist es bei
angstbedingten psychischen Erkrankungen. Hier werden die
Betroffenen schnell mit Neurotikern in eine Schublade gesteckt
oder als willensschwache Individuen für betrieblich untauglich
erklärt. Daraus erklärt sich u.a. auch, daß Deutschland über
genauso viele 'psychosomatische Betten' verfügt wie die gesamte
restliche Welt. Erst wenn gar nichts mehr geht, erst wenn der
Manager, der schmerzunempfindliche Wirtschaftsindianer,
überhaupt nicht mehr kann und wenn alle medikamentösen
Lösungsmöglichkeiten ausgereizt sind, wendet er sich an einen
Psychosomatiker. Und wenn er dann, weil es keine andere Lösung
mehr gibt, in in eine psychosomatische Klinik eingeliefert wird,
so läßt er - sicherheitshalber - mitteilen, daß er sich in einer
Herz-Kreislauf-Kur befindet. Ein in vielen Bereichen der USA
unvorstellbares Verhalten", stellen die Autoren fest: "Dort hat jeder zweite seinen Psychologen oder
Psychoanalytiker, spricht über seine Probleme und wird eher
wieder leistungsfähig." (S.107)
Man darf den Autoren als Soziologen und Betriebswirtschaftler
nachsehen, dass sie nicht ausreichend zwischen Psychotherapie
und Psychoanalyse unterscheiden. Die Richtigkeit der phobischen
Schadensbilanz mindert das freilich nicht. Entgegen überlebten
Vorstellungen ist eine Psychoanalyse bei Angst- und
Panikerkrankungen nicht wirksam, betonten Prof. Dr. G. Côté und
Prof. Dr. David H. Barlow vom Zentrum für Stress- und
Angsterkrankungen der State University of New York vor Jahren im
"Handbook of Effective Psychotherapy":
"psychoanalytische Therapie hat sich bei
Panikstörungen nicht als wirksam erwiesen" (1993, S.
163f.).
Ein nicht ungewöhnlichen Fall in der
Angstambulanz Stuttgart des ABARIS Institutes für
Psychotherapie war zum Beispiel ein Unternehmer (Mitte 30),
der an einer zunehmenden Herzphobie und Agoraphobie mit
Panikstörung litt, die ihn schließlich sogar daran hinderte, zum
Bäcker um die Ecke zu gehen. Die massivsten Ängste bestanden vor
Höhen, Tunnels und vor dem Fliegen, was ihn bei der Ausübung
seiner Tätigkeit massiv einschränkte. Nach einer gründlichen
Diagnostik, kognitiven Vorbereitung, mentalen Umstrukturierung
und Therapieplanung wurde nach dem "Stand der Kunst" ein
therapeutisches Drei-Tages-Programm zusammengestellt, das alle
wesentlichen Übungssituationen des Klienten beinhaltete: Fahrt
zum Fughafen mit separatem PKW, gemeinsames Einchecken mit dem
Therapeuten und Flug nach New York, Hotel-Check-In und
Übernachtung in New Yorks höchstgelegenem Einzelzimmer,
Besteigen der Freiheitsstatue und Essen mit und ohne
Therapeuten, Fahrten mit U-Bahn, Bus und Seilbahn, Besuch der
Börse an der Wall Street, des World Trade Center mit senkrechtem
Blick 420 m tief in die Straßenschluchten, Helikopter-Rundflug
über Manhattan zunächst mit und dann ohne Therapeuten,
Mietwagentagesrundfahrt nach Philadelphia und Bummel an der
Atlantikküste, alleinigem Einkaufen u.s.w.
Trotz anfänglich großer Ängste bewältigte der Klient in einem
Block unter therapeutischer Führung alle Situationen und
erlangte die erforderlichen eigenen konkrete Erkenntnisse und
Erfahrung, die es ihm ermöglichten, seine Ängste abzulegen. Er
veränderte sein Leben grundlegend, unternahm Reisen und hatte
zunehmend beruflich Erfolg. Auch in seinem vergleichsweise
aufwendigen therapeutischen Vorgehen kostete seine Behandlung
nur knapp 10.000,00 DM. Sie dauerte trotz der bereits 15 Jahre
bestehenden Erkrankung aufgrund der intensiven Blocktherapie
insgesamt nur wenige Wochen. Ohne diese Behandlung hätte die
Angst für sein mittelständisches Unternehmen mit rund 50
Mitarbeitern zerstörerisch werden können.
Es wird wohl noch mehrerer Auflagen von Panses und Stegmanns
verdienstvoller Studie bedürfen, bis der Kostenfaktor Angst in
der Wirtschaft eine angemessene Würdigung findet. Dies gilt für
den Umgang mit psychischen Problemen insgesamt. Experten raten
dazu, die Ängste der Mitarbeiter nicht zu verdrängen, sondern
eine "Vertrauenskultur" im Unternehmen
aufzubauen. Diese sollte Mitarbeitern ein Gefühl der
Wertschätzung vermitteln und Konflikte oder Fehler "sachorientiert" aufarbeiten. Auch die
Kooperation mit erfahrenen und vom jeweiligen Unternehmen
unabhängigen Psychotherapeuten - das wird bei der Lektüre
deutlich - kann sich für die Unternehmen rasch auszahlen.
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| PSYCHOTHERAPIE Presse-Tipp |
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Markt und Mittelstand
"Krankhafte Angstzustände sind ein Tabuthema, vor allem in
Wirtschaftskreisen. Viele Unternehmer, die unter diesen Phobien
leiden, drücken sich deshalb um eine Therapie..."
Lesen Sie hier weiter.
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Ein Trugschluss mancher
Vorstände ist allerdings die Annahme, die Anstellung eines
Betriebspsychologen werde diese Probleme schon lösen. Zum einen
wird dem Betriebspsychologen eine Treppe tiefer oder höher kaum
ein Mitarbeiter frei von seinen inneren Kämpfen erzählen. Zum
anderen sind viele Führungskräfte selbst viel zu sehr im
Würgegriff der Angst, als dass sie in der Lage wären, über den
Kostenfaktor Angst offen im Unternehmen zu kommunizieren.
Erfolgreiches Angstmanagement ist eine Frage des Vertrauens und
der Distanz. "Bauen Sie sich eine gewisse
Distanz zu Ihrem Betrieb auf", empfehlen Panse und
Stegmann. "Diese Distanz ist sogar ökonomisch
sinnvoll, denn durch Ihre [hieraus ermöglichte]
Gelassenheit gehen Sie emotional viel freier
und damit sachlich überlegter an Ihre Aufgabe." (S. 274)
Ein kluger Finanzvorstand könnte auf den Gedanken kommen, dieses
Buch Führungskräften mit Personalverantwortung anlässlich ihrer
Berufung - zur Sensibilisierung - in die Hand zu drücken.
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