© PSYCHOTHERAPIE 07.05.2001
Ferdinand Sauerbruch prophezeite 1937, Hitler werde "der
verrückteste Kriminelle, den die Welt je gesehen hat"
Adolf Hitler als Psychotiker
Der Zwei-Komponenten-Sprengstoff aus kollektiver Befindlichkeit
und individueller Psychopathologie
VON
DIETMAR G. LUCHMANN

Buchbesprechung
Paul Matussek, Peter Matussek & Jan Marbach:
Hitler. Karriere eines Wahns. München: F.A. Herbig Verlag, 2000.
303 S.
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Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat
es immer wieder Versuche gegeben, Hitler für wahnsinnig und
seine Taten für Ausgeburten eines kranken Hirns zu erklären.
Überzeugend ist diese Theorie, die aus der Hitler-Diktatur die
Krankheitsgeschichte eines einzelnen Verrückten gemacht hat,
nicht belegt worden.
Jetzt haben ein Psychiater, ein Kulturwissenschaftler und ein
Soziologe einen neuen Ansatz gewagt, der Geschichte und
Psychiatrie miteinander verbindet. Mit ihrem Buch vertreten die
drei Wissenschaftler Paul Matussek, Peter Matussek und Jan
Marbach die Ansicht, dass Hitler unter einer Psychose litt. Sein
Wahn sei auf so starke öffentliche Akzeptanz gestoßen, dass sich
der Psychotiker und seine Anhänger gegenseitig in ihrer "verrückten" Weltsicht stabilisierten.
Aber war Hitler tatsächlich wahnsinnig? Immer wieder wurde diese
Möglichkeit erwogen und doch verworfen, weil man sich einfach
nicht vorstellen kann, dass ein Psychotiker erfolgreich an die
Spitze einer Gesellschaft gelangt und diese ihm bereitwillig in
den Untergang folgt. Die vorliegende Studie findet zu einer
neuen Antwort auf die Wechselwirkung zwischen den individuellen
und kollektiven Anteilen an der Dynamik des Hitlerwahns.
Mit Hilfe eines Psychosenmodells, das auf den jüngsten
Forschungen zur "Polarität des privaten und
öffentlichen Selbst" (S. 270) beruht, sowie unter
Einbeziehung und kritischer Revision neuen Materials zur
Kulturgeschichte des "Dritten Reichs" wird gezeigt, dass Hitler
durchaus ein "pathologischer Fall" war,
der nur deshalb klinischen Konsequenzen entging, weil er auf ein
Publikum traf, das seinen Wahn durch eine ungeheure
Akzeptanzbereitschaft stabilisierte.
Die Autoren beschreiben an vielen Details das "Zusammenwirken von kollektiver Befindlichkeit und
individueller Pathologie": "Hitler
brauchte die Massen zur Bestätigung seines kompensatorisch
übersteigerten öffentlichen Selbst; und die Massen brauchten
Hitler, weil dieses übersteigerte Selbst ihren eigenen
Kompensationsbedarf bediente. Das Bedürfnis, sich aus tiefen
Demütigungen zu erheben, verband die Deutschen mit dem
Geistesgestörten, den sie zu ihrem Diktator machten. Den
persönlichen Beschämungen des einen, der sich von dem Spott von
Klassenkameraden und Männerheimkollegen verfolgt fühlte,
entsprach die nationale Schmach des 'Schandvertrags von
Versailles' und die paranoide Angst vor der ökonomischen und
intellektuellen Überlegenheit der Juden. In dieser Konstellation
vermochte Hitler, gerade weil er größenwahnsinnig war, sein
Publikum so zu faszinieren, daß es ihm schließlich die
politischen Machtmittel zuspielte, die er benötigte, um seine
Wahnideen durchzusetzen. Es wäre ein schweres Versäumnis, wenn
aus der deutschen Geschichte nicht auch die Erkenntnis gezogen
würde, daß es solche Wechselwirkungen gibt." (S. 42f.)
Das "Zusammenwirken von kollektiver
Befindlichkeit und individueller Pathologie" findet sich,
nicht selten mit verheerenden Folgen, an vielen Punkten der
Vergangenheit, sobald die Geschichtsschau mit dem notwendigen
Gespür für die psychologischen Wechselbeziehungen vorgenommen
wird. So warnen die Autoren: "Der möglichen
Gefahr ihrer Wiederkehr präventiv zu begegnen setzt voraus,
psychiatrische Ansätze in die Analyse historischer Prozesse
einzubeziehen." Denn diese Gefahr besteht prinzipiell.
Sie liegt in der Zerbrechlichkeit der Psyche eines einzelnen
Individuums. Sie ist bedingt durch die Intransparenz psychischen
Geschehens, die selbst gravierende psychische Störungen nicht
immer frühzeitig erkennbar werden lässt. Und sie fußt ferner in
der Manipulierbarkeit von Gruppenprozessen. Allein zwei Prozent
der Menschen sind Psychopathen, hinzu kommen noch die
Auftrittshäufigkeiten unterschiedlichster psychischer Störungen
- unschwer lässt sich das Risiko erahnen.
Der irische Autor Anthony Summers schreibt in seinem Buch "Die Arroganz der Macht. Die geheime Welt des Richard
Nixon", der frühere US-Verteidigungsminister James
Schlesinger habe 1974 dafür gesorgt, dass das Militär keine
direkten Befehle des damaligen Präsidenten Richard Nixon
befolgte. Der Präsident sei auf Grund schwerer Depressionen
zeitweise amtsunfähig gewesen. Schlesinger bestätigte die
Angaben gegenüber der "New York Times", die darüber
am 28.08.2000 berichtet hatte. Er habe angeordnet, dass keine
militärischen Befehle Nixons ohne ausdrückliche Bestätigung
durch ihn oder den Außenminister befolgt würden, sagte er. "Ich bin stolz, dass ich für die Unversehrtheit der
Befehlskette gesorgt habe." Dies komme der Verteidigung
der Verfassung gleich.
Alle gesellschaftlichen Schichten Deutschlands haben beim
Psychotiker Hitler versagt. "Ich kenne keine
Gruppe, die vor dieser Prüfung bestanden hätte. Es haben sich
immer nur einzelne Charaktere als widerstandsfähig erwiesen",
sagte der für seine herausragende Hitler-Biografie bekannte
Publizist Joachim Fest (DER SPIEGEL, Nr. 19/2001,
07.05.2001). Doch die Gefahr war durchaus wahrnehmbar. So sah
Ferdinand Sauerbruch, Adolf Hitlers persönlicher Arzt, den
Nazi-Führer schon 1937 an der Grenze zum Wahnsinn. Gemäss bisher
geheimen CIA-Akten sagte der bekannte Chirurgie-Professor
voraus, dass Hitler "der verrückteste
Kriminelle" werden könnte, "den die
Welt jemals gesehen hat". Die Akten des US-Geheimdienstes
CIA wurden am 27.04.2001 in Washington veröffentlicht. In den
Unterlagen ist eine Unterredung zwischen einem Vertreter des
U.S. Office of Strategic Services (OSS), dem Vorgänger der
CIA, und einem Informanten namens Hans Bie festgehalten.
Bie, ein Vertreter des Pharma-Unternehmens Schering, schilderte
bei dem Treffen am 07.12.1944 ein Gespräch, das er im Januar
1937 mit Hitlers Arzt Professor Ferdinand Sauerbruch führte.
Darin habe ihm Sauerbruch gesagt, dass er nach jahrelanger
genauer Beobachtung zum Schluss gekommen sei, dass der
Nazi-Führer "ein Grenzfall zwischen Genie und
Wahnsinn ist". Sauerbruch führte den Angaben zufolge
weiter aus, dass die Entscheidung darüber, ob Hitlers Geist in
Richtung Wahnsinn ausschlage, in der nahen Zukunft fallen werde.
Bie traf den CIA-Akten zufolge Sauerbruch drei Monate nach
diesem Gespräch wieder. Bei dieser Gelegenheit habe ihm der Arzt
dann gesagt, er glaube, dass das Pendel in der Tat in Richtung
Wahnsinn ausgeschlagen sei. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hitler
alle moderateren Kräfte in seiner Umgebung entlassen und sich
ganz Heinrich Himmler und Joseph Goebbels zugewandt. "Deutschland war verdammt", zitiert der
OSS-Report Sauerbruch wörtlich.
Unter diesem Blickwinkel kann "Hitler.
Karriere eines Wahns" sowohl Verständnis für historisches
Geschehen im Sinne von "Verstehen" als auch
Sensibilität zur Beurteilung der Gegenwart vermitteln. "Die Lektion aus dem nicht wiedergutzumachenden
Unheil des Hitler-Regimes ist ebenso eine psychiatrische wie
historische; sie zu lernen heißt nicht nur, den Blick
zurückzuwenden, sondern ihn im Eingedenken des Vergangenen auf
die Wiederholungsgefahren der Gegenwart zu richten",
schließen die Autoren ihre Analyse eines kollektiven Versagens.
Denn unabhängig von austauschbaren, raffinierten ideologischen
Mäntelchen oder platten Biertisch-Parolen sind sie in allen
Bereichen der Gesellschaft immer unter uns, die machtgierigen
Demagogen, potentiellen Diktatoren, unersättlichen
Alleinherrscher und kranken Geister, die ihre psychischen
Störungen auf die teuerste und verwerflichste Weise zu
kompensieren trachten, die es gibt: Sie ruinieren nicht nur ihr
eigenes Leben, sondern vergewaltigen und zerstören alles, was in
ihren Zugriff gerät.
Dieser Gefahr zu begegnen bedeutet, bereits Sensibilität zu
wecken für die alltägliche Manipulierbarkeit menschlichen Seins.
"Die Nazis waren im Kern nichts als eine an
die Macht gekommene Bande von Eroberern, die es verstanden, in
den Menschen Instinkte freizusetzen, die bis dahin zumindest im
Zaum gehalten worden waren", meinte der frühere
FAZ-Herausgeber Joachim Fest. Ein Ereignis, das im Gemenge
gesellschaftlicher Entwicklungen niemals völlig auszuschließen
sein wird und sich in den letzten Verästelungen einer
Gesellschaft finden lässt - als potentieller Brandsatz.
Doch wo beginnt die Gefahr? Ab welcher Bedrohung ist die klare
Warnung und der mutige Widerstand die erste Pflicht eines
verantwortungsbewussten Demokraten? Wann mündet Gewährenlassen
in Schuld? Wie viel Beschädigung für das Rechtssystems oder auch
nur für Teile einer Gesellschaft dürfen zugelassen werden? Die
Autoren lassen diese Frage unter Hinweis auf das "soziale Gewissen" jeglicher Kultur und deren
"Möglichkeiten des Abfangens von suizidalen
und wahnhaften Tendenzen" offen.
Die geschichtlichen Erfahrungen zeigen jedoch: Den Anfängen
nicht zu wehren, schuf die Voraussetzung für das Verbrechen.
Zudem ließ das Versagen der Justiz im Umgang mit dem Wahn
Hitlers die Lunte der Zerstörung weiter brennen. "Die Gesellschaft integrierte nicht den Psychotiker,
sondern dieser integrierte sie. [...]
Auch die seltenen Versuche der Maßregelung - wie etwa die
Aufforderung zu mehr Zurückhaltung in den 'Aufklärungskursen',
die Ausweisedrohungen und Redeverbote der bayerischen Regierung
oder die Verurteilung im Prozeß über den Novemberputsch -
blieben halbherzig und von heimlicher Sympathie abgeschwächt.
Erinnert sei an die Bemerkung des Richters: 'Doch ein kolossaler
Kerl, dieser Hitler!' Selbst der nationalistischen Rechten war
[Hitler] nicht geheuer, doch glaubte man ihn
als exotische Attraktion instrumentalisieren zu können. ('Jetzt
haben wir einen Österreicher, der hat eine solche Goschen.')
Bald schon ging das befremdet-bewundernde Gewährenlassen des
Sonderlings über in die flehentliche Bitte der Massen: "Hilf
uns!" Die Abgabe der sozialen Kontrolle an [Hitler]
ermöglichte ihm, seine paranoiden Racheaffekte
und apokalyptischen Sendungsideen ungehindert in die Tat
umzusetzen."
"Wenn daher bei Hitler nur eingeschränkt von
einem krankhaft bedingten Mangel an Einsichts- und
Steuerungsfähigkeit gesprochen werden kann, so trifft dies bei
seinen Helfern schon gar nicht zu. Sie tragen die volle, ja,
durch Ankurbelung jener fatalen Wechselwirkung potenzierte
Schuld an den von ihm angestifteten Verbrechen. Dabei sind
'Helfer' nicht nur die vom Hitlerwahn berauschten aktiven
Mittäter, sondern gerade auch die nüchtern gebliebenen, die die
mörderischen Absichten des NS-Regimes sehr wohl durchschauten
und dennoch wegschauten, bis es zu spät war."
Wo freilich verläuft die
Grenze zwischen einem vernünftigen Sinn und gefährlichem
Wahn? Im deutschen Gesundheitswesen tobt derzeit ein
bizarrer Kampf zwischen denen, die einen gesunden Wettbewerb
fördern wollen, und denen, die Ärzte und Psychotherapeuten mit
dem Heilsversprechen einer leuchtenden Zukunft in die "Zwangsjacke" eines "Medi-Verbundes"
zu pferchen trachten. Eine juristische Zwangsjacke, vor der
Berufsverbände und Ärztekammern warnen und die der Stuttgarter
Landesvorsitzende des Hausärzteverbandes BDA, Manfred Schmid, am
24.8.1999 schlicht eine "Entrechtungserklärung"
nannte. Sinn oder Wahnsinn? Eine medizinische Wochenzeitung
brandmarkte den Protagonisten des Medi-Verbundes als "machtbesessenen Anführer" ("Medical Tribune",
26.11.1999, S.18). Die "Ärzte Zeitung" zitierte am 12.03.2001
den Vorwurf des Radolfzeller Internisten Hermann Schulz an den
Stuttgarter KV-Chef, "Baumgärtner versuche,
Zukunftsangst bei den Ärzten zu schüren [...]
Nur mit sanftem Druck sei es gelungen, daß die
Ärzte in großer Zahl bei Medi mitmachen". Sinn oder
Wahnsinn? "Auf Kritiker, die ihren eigenen
Verstand nicht aufgeben, reagiert der KV-Chef in seiner
'Grossmannssucht' (MT) indes wie selbstherrliche Führer
untergehender Dynastien: Wer nicht zu köpfen ist, den versucht
er mit Schikanen und Prozessen zu überziehen", berichtete
das gesundheitspolitische Online-Magazin "MEDI-Report" am
29.04.2000. Der Kinderarzt Walter Conzelmann aus Urbach sprach
am 29.03.2000 von "Mediwahn" und der
Waiblinger Facharzt Thomas Brodrick warnte in "Medical Tribune"
bereits am 11.12.1999 (S. 18): "Das allzu
simple Weltbild der Medi-Anhänger, daß jeder, der nicht für Medi
in der vorliegenden Vertragsform ist, auch automatisch gegen
Medi sein muß, kommt mir im Rückblick auf geschichtliche
Erfahrungen zu bekannt vor."
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