© PSYCHOTHERAPIE 20.07.2001
Triebtäter im Gewand von Psychotherapeuten auf Krankenschein
"oral bis zum Orgasmus befriedigt"
Orale Perversion mit System
Ein Blick auf die kranke Selbstbefriedigung mancher
Psychotherapeuten
VON
DIETMAR G. LUCHMANN

Buchbesprechung
Marga Löwer-Hirsch: Sexueller Mißbrauch in der
Psychotherapie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1998. 176 S.
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Sind Psychotherapeuten skrupellose
Triebtäter, die sich mit dem Mantel eines Heilers tarnen, um ihr
zerstörerisches Streben nach narzisstischer Selbstbefriedigung
besser ausleben zu können? Oder sind sie beständig nach der
Wahrheit strebende Helfer, die Leidenden und Bedürftigen zu
Gesundheit und Lebensfreude verhelfen? Marga Löwer-Hirsch
vertritt die These, "daß es sich bei dem
sexuellen Ausbeutungsverhältnis in einer Mißbrauchstherapie um
eine Variante des gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnisses
zwischen Männern und Frauen handelt" (Seite 156). "Das Gefühl der Macht [...]
kann bei vielen Männern und manchmal auch bei Frauen
[...] mit sexueller Erregung einhergehen"
(Seite 158), betont die Autorin und illustriert in ihrem Buch,
mit welcher schamlosen Selbstverständlichkeit und ohne jedes
Schuldbewusstsein Psychotherapeuten "sich
durch den sexuellen Kontakt mit einer Patientin in ihrem
Selbstwertgefühl" aufwerten - "ganz im
Gegensatz zu den Patientinnen, die sich im Anschluß an die
Behandlung benutzt, wertlos und 'gar nicht gemeint' fühlten".
Die Psychotherapie verkomme zu einem Naturalien-Tauschhandel zur
Ersatzbefriedigung, spotten inzwischen Zyniker unter den
Psychotherapeuten angesichts der Null-Honorare bei vielen
gesetzlichen Krankenkassen. Eine Tauschhandels-Praxis, die seit
den frühestens Anfängen der Psychoanalyse Tradition hat.
Löwer-Hirsch verweist hier auf das Beispiel des
Psychoanalytikers C.G. Jung (1875-1961), der seine Patientin
Sabina Spielrein sexuell ausbeutete. Die 19-jährige Spielrein
wurde wegen schwerer psychischer Störungen in die Psychiatrische
Klinik Burghölzli eingeliefert und dort vom 30-jährigen C.G.
Jung behandelt. Mit der ambulanten Fortsetzung der Behandlung
wurde die therapeutische Beziehung in eine Liebesbeziehung
überführt. Nachdem die Mutter der Sabina Spielrein einen Hinweis
auf die Beziehung zwischen ihrer Tochter und C.G. Jung erhalten
hatte, wandte sie "sich hilfesuchend an Jung
und bittet, da er doch 'ihr Mädchen gerettet' habe, sie nun
nicht zu 'verderben'. Darauf antwortet Jung, daß er sich
ärztlich nicht verpflichtet fühle, denn er habe nie ein Honorar
verlangt. Außerdem schlägt er nun noch vor, ein Honorar
auszusetzen als angemessene Entschädigung für seine Bemühungen,
damit sie sicher sein kann, daß er seine Pflicht als Arzt
einhalte." Die vermeintliche Heilkunst für die Seele
entpuppt sich als ein ordinäres selbstsüchtiges Geschäft, bei
dem jeder jeden über den Tisch zu ziehen versucht und die
Patientinnen und Patienten auf der Strecke bleiben. Dieses Buch
ist bestens geeignet, die letzten Illusionen über Psychotherapie
und Psychotherapeuten zu zerstören.
Die deutsche Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785-1859)
meinte: "Das ganze Wirken der Natur ist nur
ein Trieb, der Wahrheit nachzugehen". Tatsächlich
erschöpft sich das Wahrheitsstreben vieler Psychotherapeuten und
- dies sei der Gerechtigkeit halber angemerkt - auch mancher
Psychotherapeutinnen vielmehr in ihrem Trieb, an Patientinnen
und Patienten der nackten Natur ihres geschlechtlichen Appetits
nachzugehen. Immerhin hatte der Vater der Psychoanalyse, Sigmund
Freud (1856-1939), den Geschlechtstrieb in den Rang der einzigen
Triebkraft menschlichen Seins erhoben. Diese für einen
Berufsstand, der gesellschaftlicher Psychohygiene zu dienen
vorgibt, unerwartet triebhafte "Wahrheitssuche" speist
psychotherapeutisches Wirken indes bedeutend häufiger als
gemeinhin angenommen wird. Freilich mag diese unappetitliche
Wahrheit niemand gern hören: Die Opfer aus Scham, die
Psychotherapeuten aus Furcht. Denn die nackte Wahrheit legt
offen, warum Psychotherapie - wie im Falle der krankhaft auf den
Sexus fixierten Psychoanalyse - Hilfesuchenden nicht zu helfen,
sondern nachhaltig zu schaden vermag: Psychotherapeuten
praktizieren vielfach mit Vorliebe als "Psychotherapie"
ausschließlich das, was ihnen ganz persönlich oral Lust und
sexuell Befriedigung verschafft, und keineswegs das, was ihren
Patientinnen und Patienten hilft. Ohne Ausnahme bleiben die
Opfer dieser perversen therapeutischen Realität mit schweren und
anhaltenden psychischen Schäden zurück, wenn sie schließlich von
den Tätern diskret "entlassen" werden.
Marga Löwer-Hirsch, selbst Psychoanalytikerin und frei von der
Scheu vor Nestbeschmutzung, beschreibt in diesem Buch die
Wahrheit mit "zwölf Fallgeschichten: elf
Frauen und ein Therapeut" - so der Untertitel. Die zwölf
Geschichten illustrieren die alltägliche sexuelle
Selbstbefriedigung von Psychotherapeuten an ihren Opfern und
lassen dennoch nur schwer erahnen, dass es viele Tausende
ähnliche Fälle in Deutschland gibt, die ihre Opfer allesamt
dasselbe Trauma erleiden lassen: Hass und Selbsthass, gequält
von Schuldgefühlen, Ekel und Scham, gepeinigt von Angst,
Depressionen und Suizidgedanken, gefangen in Ohnmacht, Wut und
psychosomatischen Störungen.
"Schätzt man die Dunkelziffer entsprechend den
Berechnungen", schreibt Löwer-Hirsch, "würden
20 Prozent aller Patientinnen betroffen sein". Was nicht
wundert, wenn man berücksichtigt, dass es "im
Rahmen der psychotherapeutischen Ausbildung" [...] "nicht selten zu sexuellen Intimitäten kommt",
die sich mit "einem Multiplikatoreffekt"
[...] "in die später selbst durchgeführten
Therapien transportieren". So berichtete eine
amerikanische Untersuchung von Kenneth S. Pope, die in "American Psychologist", der Zeitschrift der
American Psychological Association, veröffentlicht wurde,
bei rund 20 Prozent der 482 befragten Ausbildungsteilnehmer
sexuelle Kontakte zu Ausbildern und Ausbilderinnen.
Die im vorliegenden Buch behutsam und eher zurückhaltend
dokumentierten Fälle geben einen kleinen Spalt frei in der
dicken Mauer kollegialen Totschweigens. Sie erlauben den Blick
auf eine schaudernd-hässliche Wirklichkeit, die
psychotherapeutische Perversion von der Universität bis in die
ambulante Praxis mit System zelebriert - den regelhaften
sexuellen Missbrauch auf Krankenschein (Seite 23ff.):
"Ingrid ist Studentin, der Therapeut Professor
an derselben Hochschule. Da er auch Psychotherapeut ist,
entschließt sich Ingrid, bei ihm um einen Psychotherapieplatz
anzufragen. [...] Er diagnostiziert im
ersten Vorgespräch sexuelle Probleme, deretwegen sie aber primär
nicht gekommen ist. Es ist die Besonderheit dieser Therapie, daß
ein sexueller Kontakt mit dem Therapeuten, auch Aktivitäten wie
gemeinsames Nacktbaden von Beginn an zum 'Therapieprogramm'
gehörten. [...] Es wird ein Antrag an
die Kasse auf Kostenübernahme gestellt, und in einem nächsten
Einzelgespräch wird Ingrid noch einmal nahegelegt, daß sie wegen
ihrer sexuellen Probleme sexuell aktiv sein müsse und sich ihre
anderen Probleme dann erledigen würden. Das sexuelle Aktiv-Sein
könne sie mit ihm, dem Therapeuten üben. [...]
Es ist deutlich, wie der Therapeut versucht,
sein ungewöhnliches Therapieprogramm zu lancieren: Er spricht
die narzißtischen Bedürfnisse von Ingrid an, und sie fühlt sich
auch geschmeichelt [...] Das
Therapieprogramm ist von vornherein auf seine sexuellen
Bedürfnisse abgestimmt mit der Vorgabe, es diene ihrer
Gesundung. [...] Seine Ehefrau wird
auch gleich als Partnerin bei den sexuellen Terminen von ihm
eingeführt [...] Es wird direkt zu
Beginn nicht nur ihr Bedürfnis, sich als etwas Besonders fühlen
zu wollen, angesprochen, sondern es werden auch
Dreieckskonstellationen eingeführt, die sie verwirren, aber auch
anziehen. Ihre Gefühle damals waren: 'Bei dem läuft nichts, wie
ich es mir so vorstelle, und hoffentlich nicht er das [gemeint
ist das Nacktbaden] nicht zurück'.
Zum ersten Termin in seinem Haus am Wochenende kommt Ingrid zu
spät. Er sitzt mit seiner Frau im Whirlpool sie soll sich
ausziehen und dazusetzen. Dann soll sie im Whirlpool mit seiner
Frau den Platz tauschen (!), sich neben ihn setzen und ihn
anfassen - seine Frau sei nicht eifersüchtig. Das findet sie
merkwürdig und begreift erst nach Aufforderung, daß sie ihn am
Penis anfassen soll. Danach findet ein Ortswechsel statt zum
Arbeitszimmer (!) mit Couch und Laken. Durch den klinischen und
büromäßigen Rahmen wird eine Therapie- und Arbeitsatmosphäre
suggeriert, die den Rahmen für die sexuellen Handlungen geben
soll.
Die Ehefrau sagt zu ihr, daß sie ihr jetzt vormacht, wie man
oral befriedigt, und sie das dann nachmachen soll. [...]
Als er sie im Auto nach Hause fährt, gibt er
ihr noch den Hinweis, daß sie das orale Befriedigen zu Hause mit
einer Banane üben könne. Die Autorität des Therapeuten ist
demnach gleichzeitig mit der des Hochschullehrers vermischt, bei
dem man etwas lernt. In der Übertragung auf ihn als elterliche
Autorität und Lehrer paßt sie sich nicht nur seinen Vorgaben an,
sondern fühlt sich auch gedrängt, seine Wertvorstellungen zu
übernehmen: Beim zweiten Termin hat sie ihn oral bis zum
Orgasmus befriedigt, woraufhin er fragt, ob sie nicht stolz auf
sich sei. Eigentlich weiß sie gar nicht, wie sie sich fühlt,
aber sie bestätigt es, damit die Therapie Sinn machen soll, weil
diese ja sonst nicht funktioniert hätte. [...]."
Die bemerkenswerte "Logik",
mit der den Opfern ihr sexueller Missbrauch als therapeutische
Sinnhaftigkeit verkauft wird, ist in der Psychoanalyse ohnehin
seit Anbeginn das Totschlagargument bei jeder Gegenwehr. Wer
keinen Nutzen aus der obskuren Psychoanalyse zu ziehen vermochte
und aufbegehrte, wurde mit dem Vorhalt zum Schweigen gebracht,
sich der "Therapie" nicht lange und entschieden genug hingegeben
zu haben. Ein unsinniges Argument, das gleichwohl den
einzigartigen "Charme" besitzt, vom Opfer nicht wiederlegt
werden zu können. Die Gauner und Triebtäter unter den
Seelenheilern zehren komfortabel davon, dass ihrer
Opfer-Klientel die Erkenntnis, nur benutzt und weggeworfen
worden zu sein, noch mehr Angst macht.
Nur so ist zu verstehen, warum viele Betroffene, sowohl jene,
die die Autorin in ihrem Buch befragte, als auch jene, die sich
an die Redaktion PSYCHOTHERAPIE wenden, den Psychotherapeuten
oder die Psychotherapeutin trotz der Schäden, die der Missbrauch
ihnen zugefügt hat, noch immer schützen wollen. Das ist ein
falscher Versuch des Selbstschutzes, der die Opfer daran
hindert, Vertrauen zu Helfern zu finden - und sie deshalb in
ihrem Trauma weiter gefangen hält. Als Herausgeber bin ich
bestürzt über die große Zahl an Mails und Briefen, die vom
verbreiteten sexuellen Missbrauch, den über Jahre fortdauernden
Ängsten und der unterdrückten Wut ihrer Opfer zeugen. "Heute schreibe ich aus einer Wut heraus",
heißt es in einem Brief an die Redaktion. "Mein
Therapeut hat mich für sexuelle Handlungen 'ausgenutzt'.
[...] Die Therapie begann ich vor fast zehn
Jahren. Damals dekompensierte ich und suchte ihn als Psychiater
und Psychotherapeut auf. [...] Er
reduzierte unsere Treffen nur auf den Sex. Dies rechnete er auch
fleißig bei der Krankenkasse ab. Immer wenn ich die Beziehung in
Frage stellte und sie beenden wollte, gab er mir viel Zuneigung
und zwar so, dass ich nachgab und zum Teil Mitleid mit ihm
hatte. [...] Mein ganzes Leben habe ich
nach ihm gerichtet."
Erschütterndes Desinteresse
an den Opfern ihres sexuellen Missbrauches ist bei den
Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen festzustellen, wenn -
was selten genug geschieht - ein solcher Fall öffentlich bekannt
wird. "Nur wenige Therapeuten scheinen ein
Schuldbewußtsein zu entwickeln und mit Bedauern auf das
Vorgefallene zu reagieren. Die meisten schieben die
Verantwortung auf die Patientinnen und arbeiten mit
Schuldzuweisungen", beobachtet Löwer-Hirsch. Die Ethik
wird in der Psychotherapie der Selbstsucht geopfert. Gemäß
dieser Wirklichkeit trägt das entsprechende Buchkapitel (Seite
15ff.) den Titel "ehtische Richtlinien":
Ethik ist in der Psychotherapie nicht nur ein Fremdwort, sondern
fällt eh unter die Tische, lautet die Botschaft dieses Trauer
tragenden Buches.
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