© PSYCHOTHERAPIE 26.10.2001
Gesundheitswesen, Gesundheitspolitik und organisierte
Verantwortungslosigkeit
Medizin - Mafia mit bestem Sozialprestige?
Ärzte-Irrtümer und Irrtümer über Ärzte literarisch prägnant
seziert
VON
DIETMAR G. LUCHMANN

Buchbesprechung
Kocher, Gerhard: Vorsicht, Medizin! Aphorismen
zum Gesundheitswesen und zur Gesundheitspolitik. Thun, Schweiz:
Ott-Verlag, 2000. 160 S.
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Der Realitätsbezug von Vorstellungen, die
Menschen sich von der Welt um sich herum machen, ist oft
umgekehrt proportional zu der Menge an Informationen, die sie
aus eigener Anschauung besitzen. Dies gilt besonders für die
pandemische Selbsttäuschung im Gesundheitsmarkt, jeden
Beutelschneider im weißen Kittel als Heiler zu verkennen. "Weisser Kittel heisst nicht weisse Weste",
warnt Gerhard Kocher. Der 1939 in Bern geborene Politologe und
Gesundheitsökonom führt in 878 Aphorismen den kostspieligen und
lebensgefährlichen Medizin-Wahnsinn unterhaltsam und sarkastisch
vor: "Operation gelungen, Chirurg saniert."
Diese brutale Realität mögen viele nicht wahrnehmen, die sich
den weißen Haien im Arztkittel unkritisch überantworten, denn
die zunächst mühevollere Alternative zur Selbsttäuschung heißt
Selbstverantwortung. "Man darf sich nicht
kränken, dass uns andere nicht die Wahrheit sagen, denn wir
sagen sie uns oft selbst nicht." Diese Feststellung, die
der 1613 geborene französische Moralist und Aphoristiker
François VI. Duc de La Rochefoucauld hinterließ, ist so zeitlos
gültig wie seine Charakterisierung von Menschen, die völlig
ihren Leidenschaften unterworfen sind, unter denen besonders die
Eigenliebe heraus ragt. Die absolutistische Monarchie zu Zeiten
des de La Rochefoucauld ist gewichen; ihren Platz eingenommen
hat ein absolutistisch anmutendes Gesundheitssystem, das krank
macht. "Man muss der modernen Medizin zugute
halten, dass sie für die meisten Schäden, die sie verursacht,
auch gleich ein Gegenmittel entwickelt", so Kocher
ironisch.
Gerhard Kocher weiß, wovon er spricht. Seine politologische
Dissertation "Verbandseinfluss auf die Gesetzgebung", die
1967 erschien, analysierte die Krankenversicherungsreform 1964.
Zusammen mit Bruno Fritsch gründete er 1970 die Schweizerische
Vereinigung für Zukunftsforschung, deren Sekretär er bis 1995
war. Daneben ist er seit 1974 als selbständiger
wissenschaftlicher Berater vor allem im Gesundheitswesen tätig.
Und Kocher spricht die bitteren Wahrheiten aus. "Von Jahr zu Jahr wird klarer: das Ziel des
Gesundheitswesens ist nicht die Gesundheit, sondern der Ausbau
des Gesundheitswesens." In der Tat, werden in keinem
gesellschaftlichen Bereich derart gigantische Umsätze bewegt wie
im Gesundheitsmarkt - rund 300 Milliarden Euro pro Jahr allein
in Deutschland. Verlockende Milliarden.
"Zwischen einem Arztverband und der Mafia gibt
es zahllose Unterschiede. Im Moment kommt mir aber gerade keiner
in den Sinn - ich bitte um Ihr Verständnis", schreibt
Gerhard Kocher auf der ersten Seite seiner Aphorismen. Dafür
illustriert die "Ärzte-Zeitung" diese Medizin-Realität in
ihrer heutigen Ausgabe mit seltener Prägnanz: "Die Herren Universitätsprofessoren, die in den
Kammern, KVen und der KBV das gemeine Volk der Ärzte so gerne
über Ethik, Moral und Pflichten belehren, kümmern sich selbst
nicht im Geringsten um Solidarität. Egoismus ist ihr Leitwort."
("Ärzte Zeitung", 26./27.10.2001, Seite 21). Und weil
medizinisches Wissen bei derart unverhüllter Gier eher
hinderlich ist, konnte die "Ärzte-Zeitung" am Vortag auf
Seite 3 im Klartext titeln: "Ärzte in
Deutschland - Geld, ja bitte, Fortbildung, nein danke"
(25.10.2001).
Kaum irgendwo ist die Komplexität des Geschehens so verwirrend
und die Transparenz so gering wie im Gesundheitswesen. Nur
scheinbar paradox: "George Orwells 'Big
Brother' wird nicht der Staat sein, sondern die Medizin",
sagt Kocher. Und in wenigen Bereichen werden die Veränderungen
in den nächsten Jahren so radikal sein wie im Gesundheitsmarkt.
Kocher: "Ich aber sage Euch: es wird eine
Sintflut kommen über die Menschheit, und sie wird Inkontinenz
heissen."
Angesichts dieser
Perspektive könnte man sich naiv damit bescheiden, ein Freund
von "Wassersport"-Spielen zu werden, um das inkontinente Leben
mit der "modernen Medizin" noch schön zu finden. Alternativ kann
man seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen und den
Versuchen der Ärzteschaft entschieden entgegen treten, die
wirtschaftliche Verwertung des Corpus humanum weiter zu
maximieren. "Alle leben von der Medizin, darum
tut keiner was dagegen." Selbst bei groben Verstößen der
Ärzte gegen geltendes Recht, mit denen Kassenarztfunktionäre
Wettbewerb behindernde Kartelle aufrecht erhalten wollen, pflegt
die Politik beschaulich ihre organisierte
Verantwortungslosigkeit, wie der Fall Medi-Verbund belegt. Nach
meiner Aufforderung an das baden-württembergische
Sozialministerium unter Leitung von Apotheker Friedhelm Repnik
(CDU), aufsichtsrechtlich gegen die erkennbar rechtswidrige
Beteiligung der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg am
Medi-Verbund vorzugehen, war es dessen größte Sorge, mich
angesichts der Untätigkeit aufzufordern, diese Korrespondenz "nicht für Zwecke Ihrer Öffentlichkeitsarbeit
[...] zu verwenden". Inzwischen hat das
Landessozialgericht Stuttgart das Geschehen um den Medi-Verbund
von Allgemeinarzt Werner Baumgärtner (CDU) klar als rechtswidrig
beurteilt. Was lehrt uns das? Verantwortlichkeit und Transparenz
in der Gesundheitspolitik kann man wohl suchen - aber finden?
"Kaum ein Königshof hielt sich so viele
Hofschranzen wie heute die Pharmaindustrie", geißelt
Kocher die gewöhnliche Korrumpierung ärztlicher Meinungsbildung
bei der Medikamentenwahl durch Pharmaberater und deren
Zuwendungen. Der Mehrheit der medizinischen Profis geht es ohne
Rücksicht auf Patienten, Ethik oder Gesellschaft nur um Profit,
wie Ellis Huber, bis 1999 zwölf Jahre Präsident der Ärztekammer
Berlin, am 21.08.2001 im Interview mit PSYCHOTHERAPIE
feststellt: "Etwa ein Drittel der Ärztinnen
und Ärzte sind zynische Egoisten, denen das Schicksal ihrer
Patienten völlig egal geworden ist. Sie denken nur an sich und
machen Therapien, deren Unsinn sie von vornherein bereits
kennen. Ein weiteres Drittel umfasst frustrierte und
prinzipienlose Opportunisten, die im System mitschwimmen und
versuchen, einigermaßen über die Runden zu kommen und das
schlechte Gewissen durch Freude an Status und Ansehen zu
kompensieren."
Um die Geldgier und Aggressivität gewissenloser Anbieter im
Gesundheitsmarkt zu verstehen, genügt ein Blick auf die Gewinne,
die sich mit Pillen und Tinkturen, haltlosen
Gesundheitsversprechen, fragwürdigen Lifestyle-Medikamenten und
untauglichen psychotherapeutischen oder körperorientierten
Behandlungen erzielen lassen. Von Karl Marx stammt ein
Täter-Profil des bourgeoisen Kapitals, das sich - wie zahllose
Skandale bei Ärzten, Kliniken und Krankenkassen belegen - auch
im heutigen Gesundheitsmarkt finden lässt: "Wenn
das Kapital [...] keinen oder nur
kleinen Profit macht, verfällt es in Schrecken. Erzielt es einen
angemessenen Gewinn, so wird es zum Löwen. Bei einem sicheren
Profit von 10% geht es überall hin und unternimmt alles. Bei 20%
belebt es sich, bei 50% erfaßt es der absolute Mut. Bei 100%
tritt es alle Gesetze mit Füßen, und für 300% gibt es kein
Verbrechen, das es nicht begehen würde."
"Ein Röntgenbild bringt mehr als tausend Worte",
schildert Kocher die parasitäre, menschenverachtende
wirtschaftliche Fehlsteuerung im Gesundheitswesen und erinnert:
"Die wirksamste Medizintechnik ist die
Gesprächstechnik." Für effiziente psychotherapeutische
Gespräche jedoch, die in weniger als 25 Stunden (kognitive
Verhaltenstherapie) zum Therapieerfolg führen und weit über ein
Zehnfaches ihrer eigenen Kosten im Gesundheitssystem einsparen,
ist in eben diesem System kein Platz. Wirksame Psychotherapie
als effizienter Umsatzkiller ärztlicher Praxen und Kliniken wird
systematisch behindert. Hier zeigt sich die hässliche Fratze der
aggressiven und chauvinistischen Pfründesicherung der
Ärzteschaft am deutlichsten. Es "haben sich,
wie alle wissen, längst Kartelle und Seilschaften gebildet, die
effektive Pfründesicherung und Ressourcenakquisition betreiben,
aber nicht mehr Qualitätsentwicklung und echte Mitmenschlichkeit",
sagt Ellis Huber.
Die neueste Kreation der
Ärzteschaft im Abwehrkampf gegen psychologische Kompetenz bei
Psychodiagnostik und Psychotherapie ist der grandiose PR-Trick
mit dem "Facharzt für Psychotherapeutische Medizin".
Dieser suggestive Heißluftballon von einem Facharzt-Titel ist
ein Feigenblatt für Organmediziner, die von Psychologie nichts
verstehen, das sektenähnliche und vermoderte Gedankengut der
Psychoanalyse mit Psychotherapie verwechseln und ihre Opfer
unnötig von Tabletten abhängig machen. Würde eine vernünftige
Gesundheitspolitik die jahrelangen ärztlichen Fehlbehandlungen
zur Kenntnis nehmen, in der Zeit verschwendet, Heilungschancen
vergeben, anfänglich einfach zu behandelnde Störungen zu
chronischen Erkrankungen gemacht und Medikamentenabhängigkeiten
gefördert werden, so müssten die Ärzte unverzüglich verpflichtet
werden, ein psychologisches Konsil einzuholen, bevor sie
Patienten Psychopharmaka verschreiben dürfen. Aber mit Vernunft
hat Medizin nur wenig zu tun. Tatsächlich hat es die Ärztelobby
vermocht, ein ärztliches Konsil vor dem Beginn einer
Psychotherapie durchzusetzen.
Wer liest ein Buch, das die zuweilen tödliche Illusion vom
ethisch verantwortungsbewussten Arzt und heilen(den)
Gesundheitswesen zerstört? Zum Beispiel Menschen, die wenig Zeit
haben und trotzdem vom Baum der gesundheitlichen Erkenntnis
naschen wollen, denn Aphorismen bringen die Dinge auf den Punkt:
"Niemand hat mehr Operationsnarben als der
Privatversicherte." (Ein schlimmer Gruß an die Hautklinik
der Universität Tübingen!) Psychologen finden Anregungen für
eine neue Metrik zur Berechnung des IQ: "Die
Summe von Zufriedenheit mit der Medizin und Intelligenz ist
konstant." Gesundheitspolitiker können sich für eine
vernünftigere Versorgungsplanung inspirieren lassen: "Man weiss heute, dass 50 Prozent aller Patienten
psychische Probleme haben. Der Prozentsatz bei den Behandlern
ist weniger gut erforscht." Und nicht nur
Volkswirtschaftler werden von der Kostenersparnis und dem Gewinn
an Lebensqualität begeistert sein, die mit Psychotherapeuten als
Lotsen ("Gatekeeper") im Gesundheitssystem zu erzielen wären.
Wen bei so viel unerträglichen Wahrheiten die Frage aufstößt, ob
nicht der Autor selbst in Behandlung gehört, findet in dem
Büchlein von Gerhard Kocher auch hierauf eine Antwort: "Zu den wirksamsten psychotherapeutischen Methoden
gehört das Schreiben von Aphorismen." Die heilsame
Wirkung entfaltet das Buch ebenso als Lektüre. Der
Indikationsbereich erstreckt sich laut Aussage des Verlages auf
"Patienten, Versicherte und alle, die im
Gesundheitswesen tätig sind oder mit ihm zu tun haben".
Man verordne es liebenswerten Menschen, die es verdienen, vor
der Verfütterung an die weißen Haie bewahrt zu werden.
Empfohlene Dosierung: Drei mal täglich ein Aphorismus. So reicht
Kochers nebenwirkungsfreie Naturmedizin locker zwei Jahre
präventiv - bis zur nächsten erweiterten Auflage oder dem
Erreichen des wünschenswerten Zielzustandes: "Für
die Volksgesundheit gibt es nichts Erfreulicheres als halbleere
Spitäler, arbeitslose Ärzte und eine leidende Pharmaindustrie."
Natürlich besteht auch in Bezug auf ihre Gesundheit für Menschen
die Möglichkeit, einen angemessenen Gebrauch von ihrem
Denkvermögen zu machen - um zu den wenigen aufrechten, ehrlichen
und fähigen Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und
Psychotherapeuten zu finden. Das Buch hilft unterhaltsam und
sarkastisch, den Weg zu erhellen.
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