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© PSYCHOTHERAPIE 01.09.2000
Alkohol, Alkoholiker und Alkoholismus - Die alltägliche, millionenfache
Sucht
Der Schritt zurück vor dem Abgrund
Ein faszinierendes Dokument über einen Alkoholentzug
VON
DIETMAR G. LUCHMANN

Buchbesprechung
Diana Beate Hellmann - Ich fang noch mal zu leben an.
Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag, 2000. 639 S.
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Der Teufel Alkohol hat unsere Gesellschaft ordentlich
im Griff: Alkoholismus ist schon lange keine Männersache - immer mehr Frauen
hängen an der Flasche. Hinter ihrer Hochglanzfassade getarnte Alkoholiker
verursachen jährlich Milliardenkosten durch Unfälle, Krankheit, Fehler bei
der Arbeit und Gewalttätigkeiten. Selbst ein Millionen Mark teures
Gerichtsverfahren musste schon wiederholt werden, weil den Berufsrichtern
des Düsseldorfer Landgerichts nicht aufgefallen war, dass sie mit einem
alkoholgeschädigten Schöffen zusammen arbeiteten, der seit Jahren "die Zahnpasta nicht mehr auf die Bürste bekommen" hatte.
Dabei gibt es Menschen, die trifft es knüppeldick. Diana Beate Hellmann
gehört wohl dazu. Im Alter von 17 Jahren erkrankte sie an Krebs, kaum jemand
glaubte noch daran, doch sie wurde wieder gesund. Die Geschichte "Zwei Frauen", die sie über ihre Krankheit auf, wurde ein
Bestseller und von Carl Schenkel verfilmt. Dann aber, als erfolgreiche Frau
in den Dreißigern, kam der nächste Schlag: Hellmann, 1957 in Essen geboren
und mittlerweile in den USA lebend, gesteht sich ein, Alkoholikerin zu sein.
Unter der Oberfläche eines schönen, erfolgreichen Lebens ist Bea - wie ihre
Freunde sie nennen - eine zutiefst unglückliche Frau. Nach außen hin
funktioniert ihr Leben immer noch, irgendwie, mit Hindernissen. Sie hangelt
sich von einem Tag zum anderen. Doch sie weiß genau, was mit ihr geschieht.
Ihr ganzes Denken und Handeln kreist nur noch um den Alkohol. Erst als sie
in einem Nobelhotel in der Präsidentensuite auf dem Seidenbett liegt und
nicht mehr reden, nicht mehr aufstehen, sich nicht mehr bewegen kann,
entschließt sie sich zum Entzug im Betty Ford Center, der legendären
Suchtklinik in Palm Springs.
"In jener Nacht trank ich binnen weniger Stunden einen
ganzen Liter Wodka und schluckte mit dem letzten Glas auch noch zwei meiner
Beruhigungspillen. Bevor die Wirkung einsetzen konnte, schlurfte ich in die
Küche und holte mir eine neue Schnapsflasche. Ich mußte mir noch meine
Ration für den nächsten Morgen eingießen, vorher konnte ich nicht schlafen
gehen. Sonst wiederholte sich womöglich das, was mir an jenem Freitagmorgen
passiert war: Daß ich zu sehr zitterte, um den Verschluß der Flasche
aufzudrehen, und die Flasche gegen die Füllung der Badezimmertür schlagen
mußte, um ihr den Hals abzubrechen..."
Auch über diesen Abschnitt ihres Lebens hat sie geschrieben. Entstanden ist
ein ehrliches und berührendes Buch über den langen Weg aus der Sucht. Und
nicht zuletzt über die tiefen Ursachen für ihren verzweifelten Versuch, sich
selbst zu zerstören. Der Leser des neuen Hellmann-Bandes "Ich
fang noch mal zu leben an" mag es kaum glauben, dass so viel einem
Menschen zustoßen kann. Die Autorin hat nicht nur mit ihren eigenen
Problemen zu kämpfen, sondern muss sich in dieser schweren Zeit auch noch um
ihre Mutter sorgen, die ebenfalls an Krebs erkrankt. So mutet der Bericht
manchmal ein wenig überzogen an. Gleichwohl ist es der Autorin wieder
gelungen, schockierend offen und authentisch ein heißes Eisen anzufassen,
das von Betroffenen wie Außenstehenden peinlich gemieden wird, die
Alkoholsucht einer Frau.
Besonders der erste Teil des Buches ist ein schonungsloser Bericht über das,
was die Droge Alkohol aus einem Menschen machen kann. Die Autorin ist am
Ende körperlich und seelisch am Ende. Von einem Freund wird sie in die
Klinik gebracht, den letzten großen Schluck Wodka schüttet sie noch schnell
vor dem Eingang in sich hinein. Hellmann schildert die ersten Tage des
Entzugs mit großer Offenheit: Sie hat Schweißausbrüche, die Kontrolle über
ihren Körper ist verloren gegangen. "Ich wusste weder, wo
ich war, noch wusste ich, was für einen Tag wir hatten", notiert sie
im Rückblick.
Allmählich stabilisiert sich ihr Zustand, mit den rigiden Regeln des
Klinikalltags vermag sie sich aber nicht abzufinden. Kaum ist ihr Körper
entgiftet, packt sie ihre Koffer, um allein weiterzukämpfen. Doch die
Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben überfordert die Kranke. Kurz vor
einem Rückfall, sucht sich die Autorin kompetente Hilfe. Ein Psychotherapeut
begleitet sie schließlich auf ihrer schmerzhaften Suche Antworten und hilft
ihr mit sanftem Nachdruck dabei, die verdrängte Wahrheit ans Licht zu holen
und ihre sterbende Mutter gehen zu lassen - vor allem aber, sich selbst
anzunehmen.
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