PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 01.09.2000

Alkohol, Alkoholiker und Alkoholismus - Die alltägliche, millionenfache Sucht

Der Schritt zurück vor dem Abgrund
Ein faszinierendes Dokument über einen Alkoholentzug

VON DIETMAR G. LUCHMANN

Diana Beate Hellmann: Ich fang noch mal zu 
                leben an.

Buchbesprechung
Diana Beate Hellmann - Ich fang noch mal zu leben an. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag, 2000. 639 S.

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Der Teufel Alkohol hat unsere Gesellschaft ordentlich im Griff: Alkoholismus ist schon lange keine Männersache - immer mehr Frauen hängen an der Flasche. Hinter ihrer Hochglanzfassade getarnte Alkoholiker verursachen jährlich Milliardenkosten durch Unfälle, Krankheit, Fehler bei der Arbeit und Gewalttätigkeiten. Selbst ein Millionen Mark teures Gerichtsverfahren musste schon wiederholt werden, weil den Berufsrichtern des Düsseldorfer Landgerichts nicht aufgefallen war, dass sie mit einem alkoholgeschädigten Schöffen zusammen arbeiteten, der seit Jahren "die Zahnpasta nicht mehr auf die Bürste bekommen" hatte.

Dabei gibt es Menschen, die trifft es knüppeldick. Diana Beate Hellmann gehört wohl dazu. Im Alter von 17 Jahren erkrankte sie an Krebs, kaum jemand glaubte noch daran, doch sie wurde wieder gesund. Die Geschichte "Zwei Frauen", die sie über ihre Krankheit auf, wurde ein Bestseller und von Carl Schenkel verfilmt. Dann aber, als erfolgreiche Frau in den Dreißigern, kam der nächste Schlag: Hellmann, 1957 in Essen geboren und mittlerweile in den USA lebend, gesteht sich ein, Alkoholikerin zu sein.

Unter der Oberfläche eines schönen, erfolgreichen Lebens ist Bea - wie ihre Freunde sie nennen - eine zutiefst unglückliche Frau. Nach außen hin funktioniert ihr Leben immer noch, irgendwie, mit Hindernissen. Sie hangelt sich von einem Tag zum anderen. Doch sie weiß genau, was mit ihr geschieht. Ihr ganzes Denken und Handeln kreist nur noch um den Alkohol. Erst als sie in einem Nobelhotel in der Präsidentensuite auf dem Seidenbett liegt und nicht mehr reden, nicht mehr aufstehen, sich nicht mehr bewegen kann, entschließt sie sich zum Entzug im Betty Ford Center, der legendären Suchtklinik in Palm Springs.

"In jener Nacht trank ich binnen weniger Stunden einen ganzen Liter Wodka und schluckte mit dem letzten Glas auch noch zwei meiner Beruhigungspillen. Bevor die Wirkung einsetzen konnte, schlurfte ich in die Küche und holte mir eine neue Schnapsflasche. Ich mußte mir noch meine Ration für den nächsten Morgen eingießen, vorher konnte ich nicht schlafen gehen. Sonst wiederholte sich womöglich das, was mir an jenem Freitagmorgen passiert war: Daß ich zu sehr zitterte, um den Verschluß der Flasche aufzudrehen, und die Flasche gegen die Füllung der Badezimmertür schlagen mußte, um ihr den Hals abzubrechen..."

Auch über diesen Abschnitt ihres Lebens hat sie geschrieben. Entstanden ist ein ehrliches und berührendes Buch über den langen Weg aus der Sucht. Und nicht zuletzt über die tiefen Ursachen für ihren verzweifelten Versuch, sich selbst zu zerstören. Der Leser des neuen Hellmann-Bandes "Ich fang noch mal zu leben an" mag es kaum glauben, dass so viel einem Menschen zustoßen kann. Die Autorin hat nicht nur mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, sondern muss sich in dieser schweren Zeit auch noch um ihre Mutter sorgen, die ebenfalls an Krebs erkrankt. So mutet der Bericht manchmal ein wenig überzogen an. Gleichwohl ist es der Autorin wieder gelungen, schockierend offen und authentisch ein heißes Eisen anzufassen, das von Betroffenen wie Außenstehenden peinlich gemieden wird, die Alkoholsucht einer Frau.

Besonders der erste Teil des Buches ist ein schonungsloser Bericht über das, was die Droge Alkohol aus einem Menschen machen kann. Die Autorin ist am Ende körperlich und seelisch am Ende. Von einem Freund wird sie in die Klinik gebracht, den letzten großen Schluck Wodka schüttet sie noch schnell vor dem Eingang in sich hinein. Hellmann schildert die ersten Tage des Entzugs mit großer Offenheit: Sie hat Schweißausbrüche, die Kontrolle über ihren Körper ist verloren gegangen. "Ich wusste weder, wo ich war, noch wusste ich, was für einen Tag wir hatten", notiert sie im Rückblick.

Allmählich stabilisiert sich ihr Zustand, mit den rigiden Regeln des Klinikalltags vermag sie sich aber nicht abzufinden. Kaum ist ihr Körper entgiftet, packt sie ihre Koffer, um allein weiterzukämpfen. Doch die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben überfordert die Kranke. Kurz vor einem Rückfall, sucht sich die Autorin kompetente Hilfe. Ein Psychotherapeut begleitet sie schließlich auf ihrer schmerzhaften Suche Antworten und hilft ihr mit sanftem Nachdruck dabei, die verdrängte Wahrheit ans Licht zu holen und ihre sterbende Mutter gehen zu lassen - vor allem aber, sich selbst anzunehmen.

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