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© PSYCHOTHERAPIE 21.12.2000Sex,
Sex und immer nur Sex: Psychoanalyse als sexueller Missbrauch im Mantel der
Heilkunde?
Irrige Therapieerwartungen
Arroganz und psychotherapeutisches Unvermögen der Psychoanalytiker
demaskiert
VON
DIETMAR G. LUCHMANN

Buchbesprechung
Annelie Dott: Was mir Therapeuten schuldig blieben.
Düsseldorf: Walter-Verlag, 2000. 252 S.
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Brauchen Psychotherapeuten selbst einen
Psychotherapeuten? Der Volksmund meint in mancherlei Bonmots: ja. In der Tat
ist diese Situation bei den Seelenheilern häufiger als gemeinhin angenommen.
Viele Psychotherapeuten und Psychiater haben selbst eine kranke Seele. Sie
lassen sich von Kolleginnen und Kollegen wegen ihrer psychischen und
psychosomatischen Probleme behandeln und behandeln wiederum Kolleginnen und
Kollegen. Und erschreckend häufig bringen sie sich dann auch noch selbst um:
Das Suizidrisiko in der Berufsgruppe der Psychiater, so stellte die "Ärzte
Zeitung" am 19.01.1998 fest, ist "sogar siebenmal
höher [...] als das der Normalbevölkerung".
Wie also ist es, wenn vor diesem Hintergrund eine Psychotherapeutin die
gewohnte Therapeutenbrille absetzt und sich - aus der eigenen Not heraus -
in die Rolle des Patienten begibt? Was erlebt eine Psychotherapeutin als
Patientin, wenn sie sich zitternden Herzens aufmacht zum ersten Gespräch?
Unsicher dessen, was sie erwartet, aber in der Hoffnung auf Hilfe. Immer im
Glauben, einen Profi vor sich zu haben, ungläubig dann aber ihren eigenen
Wahrnehmungen nicht mehr traut und sich auf etwas einlässt, das sie mehr
verwirrt als auffängt?
Anneli Dott hat diesen Weg und die unglaublichen Erfahrungen fortgesetzten
Missbrauchs und routinierter Ausbeutung, die die meisten Opfer einer
Psychoanalyse in ihrer Scham häufig sogar vor sich selbst zu leugnen
versuchen, in diesem Buch öffentlich kundgetan. Als Psychotherapeutin mit
dem entsprechenden Insiderwissen bestückt, beschreibt sie eine wahre Odyssee
in echter Not durch verschiedene psychoanalytische Behandlungszimmer über
viele Jahre.
Und dabei bekam sie es mit fast allen zu
tun, von der Ausbildungskandidatin bis zum Lehranalytiker, deren "verschrobene" und krankhafte "Fixierung
auf Sexualität" sie als fortgesetzten "Missbrauch"
schildert: "Ich wollte die unerträglichen Spannungen"
[...] "loswerden, nicht die harmlosen. Darüber wollte Sie
natürlich nichts wissen. Sie wollten nur etwas über Sex hören, sonst nichts."
"Der Umgang mit Ihrem Small talk über Sex war sehr
schwierig, weil Ihre Reaktion nicht vorauszusehen war und wie ein
Reflexbogen ablief. Immer wieder kam das Aufrichten, Luftholen, die
bedeutsame Miene, das Formulieren von unverständlichen und banalen Analogien
und hinterher der Stolz in Ihren Augen. Ein Kabarettist hätte einen
Psychoanalytiker nicht besser karikieren können. Wenn es mir nicht so
schlecht dabei gegangen wäre, hätte ich es lustig finden können. Ich fühlte
mich aber häufig wie eine Hochschwangere, bei er die Geburt einsetzt. Ihre
Rolle dabei war die der Hebamme, die in dieser Situation bei den Blumen und
Bienchen anfängt zu erklären, statt zu helfen. Das mag als Sketch vielleicht
lustig sein, in der Realität ist es gefährlich."
So gleichen sich ihre Erfahrungen bei jedem Psychoanalytiker: "Er hat mich mit seiner Zärtlichkeit abhängig gemacht, ausgenutzt
und fortgeworfen, als er mich nicht mehr brauchte. Sie haben starken Druck
auf mich ausgeübt, meine sexuellen Phantasien preiszugeben." [...] "Sie hatten von Anfang an an nichts anderem Interesse als an
meiner Sexualität. Ihre vorübergehende Freundlichkeit galt nur dem einen
Ziel, mich zum Thema Sexualität zu bringen." [...] "Sie übten Druck durch Androhung von Beziehungsentzug aus. Ich
zwinge mich, es deutlich zu benennen. Das war verbaler sexueller Mißbrauch,
verbaler Voyeurismus. Sie nutzten meine Hilflosigkeit und Einsamkeit zu
Ihren Zwecken aus. Mein Verhalten und meine Phantasien erinnern in einem
erschreckenden Maße an die von sexuell mißbrauchten Kindern. In meiner Not
und Einsamkeit bot ich mich Ihnen als Opfer an." [...] "Selbstschutzbedürfnis betrachtete ich als Unfähigkeit und
Schuld. Ich dachte an Selbstmord." [...] "Ich mußte
das Geschehene über 20 Jahre in der hintersten Ecke meines Büroschrankes
vergraben, bis ich die Beschäftigung damit zulassen konnte." [...] "Sie hatten nur Interesse an Sex. Sie subsumierten alle anderen
Themen auf eine für mich damals unverständliche Art und Weise unter
Sexualität. Sie hatten kein Interesse mehr an mir, als Ihre Bedürfnisse
befriedigt waren."
Es ist ein mutiges Buch einer Frau, die es wagt, das Bild von der eigenen
(!) Therapeuten-Zunft und im speziellen der von ihr zunächst bevorzugten
Psychoanalytiker anzukratzen. Sie wagt es, sowohl die arroganten
Vorgehensweisen der von ihr konsultierten Psychotherapeuten im persönlichen
Kontakt wie letztlich auch die verkrusteten hierarchischen Strukturen sich
vom wirklichen Leben abschottender Ausbildungsinstitute beim Namen zu
nennen.
Es mag Bücher geben, die einfacher zu lesen sind, auch weiter über die
persönliche Betroffenheit hinausgehen. Erlebbar wird jedoch eine
authentische Schilderung der Banalität, Perversion und Menschenverachtung
dessen, was die Krankenkasse als "Heil-Behandlung" noch immer bezahlt.
Ebenso die erschütternde Psychoanalyse-Erfahrung, "daß
sich Kollegen mit der Idee von der sexuellen Verursachung von psychischen
Störungen durch nichts von ihrer Idee abbringen lassen". Die
Dokumentation einer derart krankmachenden "Heilkunde" wirft bei so viel Sex
folgerichtig die Frage auf, was perverser ist: Die sexbesessene und
wissenschaftsfeindliche Heilslehre der Psychoanalyse oder das
Krankenversicherungssystem, das für diesen gefährlichen Mumpitz Geld zum
Fenster hinaus wirft.
"Es war Sommer, Sie (die Therapeutin) trugen Sandalen. Mit
denen beschäftigten Sie sich mehr als mit mir" [...] "Auch das erlebte ich als Test" [...] "Auch
dieses Verhalten sprach ich später einmal an. Dazu meinten Sie, ich hätte
ein besonderes Verhältnis zu Füßen, ich sei eine Fußfetischistin."
Der seltene Hauch von Selbstironie bleibt in der Anklage stecken: "...
ich hätte für meine Analyse arbeiten gehen sollen. Ich war
aber dank Ihrer Behandlung nicht arbeitsfähig". So bleibt Annelie
Dott damit auch ihrem persönlichen Schicksal treu: die unverstandene
Schwimmerin gegen den Strom. Die anklagenden Untertöne, wenngleich sie
beabsichtigt als "Abrechnung" angestimmt werden, mögen den Leser nicht nur
gelegentlich nerven, sondern auch verwundern ob der Unfähigkeit der
Fachleute für seelische Gesundheit, sich selbst helfen zu können:
"Wenn Sie es zugelassen hätten, mein Leid und meine Not in
der (therapeutischen) Beziehung zu spüren, dann hätten Sie Ihr eigenes Leid
nicht mehr verleugnen können".
Aus der vielfachen persönlichen
Enttäuschung ist ein wichtiger Erfahrungsbericht entstanden. Als Teil einer
wachsenden Kritik an der gegenwärtigen Psychotherapie, die mehr auf
Lobbyismus und Konfession als auf Wissenschaftlichkeit und Effizienz fußt,
bereichert das ehrliche Buch die aktuelle Diskussion um die Zukunft
veralteter Therapiemethoden. Annelie Dotts zwölfseitige Betrachtung zur
Frage "Ist die Psychoanalyse noch zu retten?", kann
man dabei freilich getrost übergehen. Sie lässt nur erkennen, wie schwer der
psychoanalytische Sumpf die Opfer seiner verschrobenen Mythen wieder frei
gibt. Die sowohl an den Laien wie auch den Fachmann gerichteten Erfahrungen
einer Psychotherapeutin, die selbst Opfer wurde, regen hingegen zur
persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Psychotherapie und
Psychoanalyse an: "Nur die Trauer, Opfer gewesen zu sein,
hilft dabei, andere nicht zum Opfer zu machen. Da hilft kein Small talk über
Sex." Richtig, da hilft nur ausmisten.
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